Irrungen, Wirrungen

von Bernhard Haage

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 31.10.2015


Woody Allens »Mittsommernachts-Sexkomödie« hatte Premiere in der Tonne 

Erwartungsgemäß drunter und drüber ging es am Donnerstagabend bei der Premiere von Woody Allens »Mittsommernachts-Sexkomödie« im Theater Tonne in der Planie 22

 

REUTLINGEN. Drei völlig unterschiedliche Paare in Sommernachtsstimmung in einem Landhaus. Da fehlt dann eigentlich nur noch Autor Woody Allen, um aus dieser reizvollen Mixtur das angestaut Menschliche herauszupressen. Die Tonne-Version seiner »Mittsommernachts-Sexkomödie«, hat das Thema elegant und amüsant n Szene gesetzt. Regisseurin Karin Eppler hat mit schönen Regieeinfällen und Gespür für Allens Sprachwitz ein Kammerspiel gezaubert, in welchem die Schauspielerinnen und Schauspieler bestens ihre Stärken ausspielen. 

 

Schön in die Flugszene als lebendiger Schattenriss, wenn Andrew (Thomas B. Hoffmann) mit Ariel (Chrysi Taoussanis) auf seiner selbst erfundenen Flugmaschine über den Wald reitet, sehr passend und unaufdringlich der Soundtrack, mit dem Musiker und Puck (Shakespeare lässt grüßen) Christian Dähn die oft lebhaften Szenen unterstreicht. Und wenn die Freunde zusammen baden gehen, dann bekommt das Ganze eine Choreografie, die den ironischen Humor der Situation herrlich unterstreicht.  Bei Andrew und Adrian (Martina Guse) läuft schon lange nichts mehr im Bett, als der Arzt Maxwell (Thomas Klees) in Begleitung der Krankenschwester Dulcy (Margarita Wiesner) zum Wochenendbesuch anrückt. Maxwell ist ein Frauenheld, dessen Problem es ist, dass er sich eigentlich noch nie in jemanden verliebt hat. Dulcy dagegen ist jung und probiert aus, was ihr in die Quere kommt, natürlich auch Maxwell. Auch Ariel ist kein Kind von Traurigkeit. Allerdings will sie am nächsten Tag Leopold (Andreas Torwesten) heiraten. Der selbstverliebte Professor ist ein Cousin der Gastgeberin Adrian. Die wittert allerdings förmlich, dass ihr Andrew Ariel nicht zum ersten Mal sieht und reagiert ziemlich eifersüchtig. 

 

Für Andrew dagegen ist Ariel eine Chance die er einst verpasst hat. Schon einmal war er mit ihr alleine im Wald, traute sich damals aber nicht, die Initiative zu ergreifen. Aber Ariel schlägt auch noch bei einem dritten ein wie eine Bombe: Ausgerechnet Maxwell verknallt sich Knall auf Fall in sie, was Autor Woody Allen natürlich das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. 

 

Ein schöner Nebenaspekt der hormongesteuerten Irrungen und Wirrungen ist, dass Andrew ständig neue Erfindungen aus seiner Werkstatt zaubert. Cool: ein Apparat, der die Gräten aus dem Fisch vollständig entfernt und bei Bedarf wieder einsetzt, oder eine Geisterkugel, die einen Blick in die Vergangenheit erlaubt. Dieser macht dann allerdings das Durcheinander komplett. Auch seine Frau Adrian, verrät die Maschine, hatte schon etwas mit Maxwell. 

 

Am Schluss fallen Schüsse, sirren Pfeile durchs Idyll, verwandelt sich ein völlig durchgeknallter Philosophieprofessor in einen brüllenden Neandertaler, der in der Nacht vor seiner Hochzeit gerne noch eine Jüngere (Dulcy) begatten will, aber gleichzeitig vor Eifersucht rast, weil seine zukünftige Ariel sich währendessen mit Maxwell und Andrew im Wald trifft. 

 

Die meiste Zeit über sind fast alle Schauspieler gleichzeitig auf der Bühne. Auf, vor, hinter, über und unter einer Art hölzerner Terrasse wird geliebt, geprügelt und gestritten. Sexszenen werden nur comichaft angedeutet, machen jedoch wegen der eigenartigen Verrenkungen ziemlichen Spaß. Den hätte der Großstadtneurotiker Allen dieser Aufführung sicher auch gehabt. Sein Humor ist gut getroffen, bekommt aber durch die Feinheiten der Inszenierung noch eine Note, die nicht unbedingt typisch ist für den New Yorker: eine gewisse poetische Tiefe, die aus Regieeinfällen und der guten Besetzung resultieren. Besonders Thomas B. Hoffmann ist ein Volltreffer. Sehr gut auch seine Frau Adrian, die der Midlifecrisis ein überzeugendes Gesicht gibt.

 

Unterm Strich

Turbulent, witzig und gut besetzt sorgt Woody Allens »Mittsommernachts-Sexkomödie« auch in der Tonne für köstliche Unterhaltung. Einige besondere Regieeinfälle verhindern, dass Klamauk und Slapstick in der Aufführung zu sehr die Überhand gewinnen.

 

 

Die Liebe ist ein Kugelblitz

von Kathrin Kipp

REUTLINGER NACHRICHTEN, 31.10.2015


»Was für Narren diese Sterblichen sind«: Auch in Karin Epplers Regie bei Woody Allens »Mittsommernachts-Sexkomödie« macht sich vor lauter Vogelgezwitscher jeder mal zum Deppen. Donnerstag war Premiere.

 

Die Liebe ist ein Kugelblitz, sie wandert und wandert, und manchmal schlägt sie sogar irgendwo ein. Auch in Woody Allens »Mittsommernachts-Sexkomödie« geht's zu wie auf Klassenfahrt, nur in Best Age. Aber trotz fortgeschrittenen Alters kann sich hier keiner das Phänomen Liebe so recht erklären.

 

Deshalb: Selbstversuch. In konzentrierter Form und in fast allen Spielarten. Dazu braucht's drei Damen und drei Herren in unterschiedlichsten Beziehungskonstellationen und mit verschiedensten Liebesidealen, eine entsprechende Aufgeschlossenheit, schwülstiges Vogelgezwitscher, eine laue Nacht - und schon geht's los.

 

In Woody Allens Version von Shakespeares »Sommernachtstraum« reicht eine »Geisterkugel« als Medium, und schon findet sich, was sich niemals gesucht hat. Nicht ohne jede Menge geschwollenen Text abzusondern. Denn bei Woody Allen besteht die Liebe neben körperlicher Anziehung hauptsächlich auch aus herzallerliebstem Sprechjazz. Zum Glück fürs Theaterstück!

 

Karin Eppler führt bei diesem Liebes- und Dialog-Tohuwabohu Regie und behält den Überblick: Nie wird es allzu albern, zu kitschig, zu ironisch oder zu magisch, sondern alles wechselt munter durch.

 

Mit (liebestechnischen) Flugversuchen, pantomimischem Plantschvergnügen und umnebelter medialer Sitzung und handfestem Alphatier-Gezicke ist außerdem immer etwas los auf der Bühne. Oft sind sogar gleich mehrere Zweierkonstellationen im hölzernen Garten der Lüste unterwegs: Sie suchen, finden, verfehlen und täuschen sich. Und verpassen mal wieder eine Top-Gelegenheit. Es könnte die jemals einzig gute, wahre und echte gewesen sein. Oder auch nicht.

 

Was wäre wenn? Weiß man's? Will man's wissen? Kopfschuss oder Weitermachen? Bühnenbildnerin Vesna Hiltmann kontrastiert das flatterhafte Liebestreiben in angespannt schwüler Atmosphäre mit einer schlichten, verkastelten Holzbühne. So wie hier generell das Spiel der Gegensätze den Lauf der Welt und der Liebesnarren bestimmt. Die Wahrheit hinter der Phänomenologie der Liebe soll besagte »Geisterkugel« enthüllen, die Tüftler Andrew konstruiert hat. Sie soll die unsichtbare und unerklärliche Welt sichtbar machen und ein kleines Stückchen Metaphysik in unsere entzauberte Welt bringen.

 

Die dauerangesexte Atmo wird musikalisch kontrastiert von Christian Dähns fast schon endharmonischer und zart ironischer Gefühls-, Flöten-, Zwitscher- und Plätschermusik. Christian Dähn ist ein eher zurückhaltender Puck, der die Liebesopfer lieber mit musikalischen als chemischen Zauberwässerchen verwirrt. Er hat sich auch - im Gegensatz zu den anderen - voll im Griff und kann musikalisch mühelos zwischen Naturwahn und Kulturzwang hin- und herswitchen.

 

Tausend schlüpfrige, literarische, optische und zweideutige Anspielungen auf Gott Eros und die Welt, auf griechische Mythologie und Liebeskunst plustern die Szenerie zusätzlich auf, Hormone schwirren durch die Luft wie Amors Pfeile und die »rotschwänzigen Sumpfhornvögel«. Schon wieder Gezwitscher. Ist es die Nachtigall? Oder doch der »gelbbäuchige Saftlutscher«?

 

Den Figuren ist eines gemeinsam: Alte Scheunen brennen gut. Und wenn die Geisterkugel auf Platons Kugelgleichnis anspielt, nach dem die eine menschliche Hälfte immer eine passende andere sucht, dann ist es hier so, dass die Figuren versuchen, ihre unterdrückte zweite Seite in sich selbst zu finden: je widersprüchlicher, desto besser.

 

Um sie hier und jetzt voll auszuleben. Ikarus Andrew (Thomas B. Hoffmann) kompensiert als Tüftler seine sexuellen Defizite mit diversen Flugversuchen: Absturz vorprogrammiert. Er sentimentalisiert seiner Jugendliebe hinterher, und als es dann passiert: puff. Ehefrau Adrian (Martina Guse) verkrampft sich in schlechtem Gewissen.

 

Zu Gast im Landhaus sind außerdem der leicht schmierige Faun im Polohemd Maxwell (Thomas Klees), der die Rosen pflückt, bevor sie welken. Plötzlich aber die wahre Liebe entdeckt und prompt auch seine vollpathetische Seite. Sein Rivale: Der leicht peinliche Professor Leo (Andreas Torwesten), der als radikaler Antimetaphysiker an die Macht von Gedichten und Schubertliedern glaubt, die er deshalb zum Entsetzen aller zum Besten gibt.

 

Angesichts der ungenierten Dulcy (Margarita Wiesner) entdeckt er allerdings - in dulci jubilo - den Neandertaler in sich und steigert sich bei seinem brünftigen Amoklauf als Heavy-Metal-Zombie bis in die finale Ekstase hinein. Ariel (Chrysi Taoussanis) wiederum kann sich bei den ganzen Angeboten nicht entscheiden. Am Ende nimmt sie eben den, der noch übrig ist. Auch eine Lösung.

 

 

»Mittsommernachts-Sexkomödie«: Die Fantasie spielt mit

von Christoph B. Ströhle

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 31.10.2015

 

REUTLINGEN. »Die Dämonen von Liebe, Ehe und Sex sind nur sehr schwer zu ertragen«, hat Woody Allen einmal gesagt. In seiner »Mittsommernachts-Sexkomödie« verbannt er sie in einen verzauberten Wald und lädt zum Nachdenken, vor allem aber zum Lachen über sie ein. 

 

Erstaunlich frisch wirkt dieser Filmstoff aus dem Jahr 1982 in Jürgen Fischers Bühnenfassung und Übersetzung. Karin Epplers Inszenierung am Theater Die Tonne gelingt das Kunststück, temporeich dargebotenen Wortwitz und Situationskomik dahin gehend zu ergänzen, dass auch die Fantasie der Zuschauer mitspielt. Etwa beim Schattentheater. 

 

Die Nähe zu William Shakespeares »Sommernachtstraum« ist gegenwärtig, die ersten und letzten Zeilen daraus rahmen das Geschehen ein, das drei Paare in unterschiedlichen Beziehungskonstellationen trennt beziehungsweise zusammenführt.

 

Überdrehte Welt

Thomas B. Hoffmann nimmt als Andrew unverkennbar die Rolle Woody Allens (an der Seite von Mia Farrow und José Ferrer) im Film ein. Hoffmann erliegt nicht der Versuchung, Allen gestisch oder sprachlich zu imitieren, weiß sich aber mit Regisseurin Eppler und dem famos spielenden Ensemble einig darin, dass die Darstellung nur gelingen kann, wenn es keine falsche Ehrfurcht, kein Kleben am Original gibt.

 

Christian Dähn gibt mit seiner Musik und als wortloser Puck die jeweilige Stimmung vor, ist Klangzauberer und Geräuschemacher. Eine angedeutete Sexszene untermalt er mit Kratzen auf der Geige. Er sorgt akustisch für einen Mückenschwarm, der die Idylle auf dem Land stört, unterfüttert Schüsse und ein Badminton-Doppel.

 

Am Schluss schnipst er das Licht aus und die mittsommernächtlich überdrehte Welt weg, in der der Wall-Street-Banker und Hobby-Erfinder Andrew mit selbst gebasteltem Fluggerät (großartig: Vesna Hiltmans Ausstattung) rund um sein Landhaus fliegt und regelmäßig abstürzt.

 

»Lass das Fliegen, du bist ein Säugetier«, witzelt sein Freund Maxwell (Thomas Klees), der sich bald schon wünscht, er hätte in Andrew nicht jenen ungeliebten Widersacher, der es wie er auf die attraktive Ariel (Chrysi Taoussanis) abgesehen hat. Dabei ist Andrew mit Adrian (Martina Guse) verheiratet und der Arzt Maxwell mit der jungen Krankenschwester Dulcy (Margarita Wiesner) zusammen. Und Ariel ist mit Leopold (Andreas Torwesten) so gut wie verheiratet. Doch auch der will seine letzten Stunden in Freiheit genießen – mit Dulcy. Wer soll da noch den Überblick behalten?

 

»Meine Ehe funktioniert nicht, aber geht gut«, bringt Andrew die Widersprüche auf den Punkt, die ihn veranlassen, es mit dem Sex mit seiner Frau am besten gar nicht mehr zu versuchen und sich stattdessen seinen Erfindungen zu widmen. Wenn er Sätze wie »Ich bin’s doch: Andrew. Vertrau mir trotzdem!« zu Ariel sagt, schimmert Woody Allens heitere, aus Bedenken gespeiste Weltsicht durch.

 

Halb Mensch, halb Bock

In der Figur des philosophisch versierten, Schubert-Lieder knödelnden Leopold treibt Allen den Kulturpessimismus auf die Spitze. Seine Fallhöhe vom schöngeistigen Schnösel zum enthemmten Neandertaler im Blut- und Sexrausch ist im Stück unübertroffen und potenziert das, was Leopold eingangs über Maxwell gesagt hat – dass er halb Mensch und halb Bock sei. Ironischerweise erreicht Leopold nach seinem Tod beim Geschlechtsakt als Geist den Zustand »purer Essenz«. Dass Eppler, Hiltman und Kathrin Röhm (Schneiderei) auch dem immer wieder fallenden Engel Andrew Luzifer-Flügel verpassen, ist schlüssig.

 

Besonders schön sind die Szenen, in denen sich die so überdeutlich gezeichneten Figuren im Nebel verlieren und – mit dem Blick in Andrews Kristallkugel – sich in die Weiten der Metaphysik fortträumen. Ein wunderbar sommerliches, deftiges, espritvolles Stück – vom Premierenpublikum mit überwältigendem Applaus bedacht.

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