Packend, erratisch, vergnüglich

von Christoph B. Ströhle

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 06.02.2018

 

Monospektakel – Ein Stück über Sophie Scholl und eine Uraufführung gab es zum Festivalabschluss im Theater Die Tonne

 

REUTLINGEN. »Ich heiße Sophie Scholl. Und da fängt das Problem auch schon an«. Nina-Mercedés Rühl, die in Rike Reinigers Stück »Name: Sophie Scholl« eine junge Jurastudentin von heute verkörpert, hadert in dieser Rolle damit, dass ihr Name eine Geschichte erzählt. Die Geschichte einer anderen. Das von Stephanie Rolser gestaltete Bühnenbild – sie führt auch Regie bei dieser Produktion des Saarbrücker Theaters Überzwerg, die am Sonntag beim »Monospektakel« des Reutlinger Tonne-Theaters zu sehen war – besteht aus Aktenbergen und einem Spiegel, der die Bühne größer erscheinen lässt, als sie ist, und das Publikum mit hereinholt.

 

Im Verlauf des Stückes vergegenwärtigt die heutige Sophie ihre Namenscousine, holt sie im wahrsten Sinne des Wortes raus aus den Akten, aus totem Papier. Sie tut dies, ungeduldig, um an Sophies kompromissloser Geradlinigkeit ihr eigenes Handeln auszurichten. Oder vielleicht doch nur, um sich selbs zu beweisen, dass die Zeit für Heldinnen vorbei ist? Nina-Mercedés Rühl macht die Zerrissenheit der Figur spürbar, den Druck, Farbe zu bekennen, den sie von allen Seiten verspürt. Weil sie als Zeugin vor Gericht eine wichtige Aussage machen soll, die – je nachdem, wie aufrichtig sie ausfällt – ihre Karriere befördern oder ihr den Todesstoß versetzen kann. Ihr Professor erpresst sie. Einer unschuldigen Sekretärin droht Gefängnis, falls sie, Sophie, schweigt.

 

Wie eine große Schwester habe Sophie Scholl sie immer begleitet, sagt die Studentin von heute. In Nina-Mercedés Rühls intensivem Spiel wird deutlich, dass sie eine Schwester meint, mit der man auch Konflikte austrägt. »Wir haben all unsere Maßstäbe in uns selbst. Nur werden sie zu wenig gesucht«, erkennt die heutige Sophie – und Rühl lässt diese Sätze ganz schlicht, so gar nicht pathetisch klingen. Lebensfreude, ein unbändiger Freiheitsdrang, Zweifel und auch Ängste schwingen mit in der Art, wie sie an die Heldin der »Weißen Rose« erinnert. Das Ende ist offen, doch ahnt man, wie die heutige Sophie sich entscheiden wird. Ein grandioses Stück, packend auf die Bühne gebracht und beim Monospektakel zu Recht mit dem Publikumspreis »Tonnella« ausgezeichnet!

 

Mit dem Stück »Echokammer« von und mit Robert Atzlinger (Stuttgart) hatte es tags zuvor eine Uraufführung beim Monospektakel gegeben. Nachdem das Publikum auf Stühlen im Foyer der Tonne Platz genommen hatte, meldete sich Atzlinger aus den Reihen der Zuschauer zu Wort. Er sei immer der Erste, der den Mund aufmache, wenn irgendwo alle warten, doch nichts passiert, sagt er. Wie in diesem Fall, wo der gut ausgeleuchtete Platz am Miikrofon leer bleibt. Leerstellen – darum dreht sich dieses Stück. Leerstellen und wie man sie füllt, weil dies nicht zu tun einem unerträglich erschiene.

 

Das Stück spielt virtuos mit Fremdschäm-Momenten. Doch nicht nur. Weltenerklärer unterschiedlichster Couleur melden sich zu Wort, alle verkörpert von Atzlinger, der gewissermaßen einen Kongress der Verschwörungstheoretiker, ein Meeting der Schwarzmaler, der Frustrierten, der irgendwie Bestellten und nicht Abgeholten entsteht lässt. Eine Steilvorlage für Gedankenkonstrukte jeglicher Art. Und für Paranoia.

 

In der auf ständige Kleidungswechsel setzenden Inszenierung von Laura Oppenhäuser ist der Akteur auf der Bühne mal wütender Sprayer, mal zynischer Lobbyist, schlüpft in die Rolle des Märchenonkels oder des Professors, der sich über Sinn und Unsinn der Ökonomisierung von Wasserstellen Gedanken macht. All das ist genauso erratisch wie vergnüglich. Eine theatralische Wasserstandsmeldung in Zeiten der Filterblasen und Fake News.

 

 

Sechs Sekunden Freiheit

von Matthias Reichert

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 06.02.2018

 

Bühne – Starkes Stück, stark inszeniert, stark gespielt: Nina-Mercedés Rühl gewinnt mit »Name: Sophie Scholl« das diesjährige Monospektakel des Reutlinger Tonne-Theaters

 

Es war ein Sieg im Fotofinish: Eigentlich schien die Entscheidung der Zuschauerjury beim Reutlinger Monospektakel eindeutig auf das Stück »Ein Kuss« des Teatro Dell´Argine aus Bologna herauszulaufen. Marco Michel spelt darin virtuos den schweizer-italienischen Maler Antonio Ligabue und zeichnet dessen Werke auf der Bühne nach. Doch dann hat das letzte Stück des Festivals mit Solostücken alles getoppt: Nina-Mercedés Rühl glänzte am Sonntagabend in »Name: Sophie Scholl« und gewann den Wettbewerb mit 13 von 15 Punkten.

 

Dieses Stück hat die Ex-LTT-Schauspielerin mit dem Saarbrücker Theater Überzwerg herausgebracht. Es geht darin um eine Jura-Studentin, die den großen Namen der NS-Widerstandskämpferin trägt. Sie steht kurz vor dem Examen – und muss nun vor Gericht eine Aussage machen, die alles verändern kann. Vor diesem einschneidenden Moment besinnt sie sich auf das Leben der Widerstandsfrau, zeichnet deren Stationen nach: die Flugblätter, mit denen sie das NS-Unrechtsregime anprangerte, bis hin zu ihrer Verhaftung und Hinrichtung im Jahr 1943.

 

Spiel auf zwei Ebenen

Die historische Biografie wird zur Folie für den aktuellen Gewissenskonflikt. Die Jurastudentin soll mit ihrer Aussage einen Professor decken, der seinen Schützlingen Prüfungsaufgaben verkauft. Wenn sie mitspielt, wären der Lohn ein absehbares Prädikatsexamen und 70 000 Euro Anfangsgehalt als Anwältin. Oder soll sie doch ihrem Gewissen folgen?

 

Am liebsten würde sie sich vor der Entscheidung drücken. Die historische Sophie Scholl war doch auch einmal ein junges Mädchen, das feierte, sich verliebte, in die Berge fuhr. Aber im »Bund deutscher Mädel« schwor sie auch einen Eid auf Hitler. Rühl spielt die Rückblenden wie die aktuelle Gewissensnot der Hauptfigur eindringlich mit leisen Nuancen und lauter Verzweiflung, sie erntet zu Recht langen Applaus in der mehr als ausverkauften Probebühne im Reutlinger Theaterneubau.

 

Regisseurin Stephanie Rolser lässt die Darstellerin über Stapel von Gerichtsakten taumeln. Daraus baut Rühl Bänke und Podeste, klettert hoch hinauf, posiert über dem Abgrund, schichtet am Boden die Stapel um, wieder und wieder, wirft weißes Papier wie Flugblätter. Zu den Rückblenden erklingt Musik – Schuberts »Forellenquintett« zur Widerstand-Biografie, NS-Lieder zum Fahneneid. In den historischen Sequenzen ist die Beleuchtung gedämpft, in der Gegenwart symbolisiert gleißendes Licht die Gewissensqual der Hauptfigur.

 

Hinter der Szenerie hängt ein großer Spiegel. Darin sieht sich das Publikum selbst. Und stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie hätte ich mich verhalten an Stelle von Sophie Scholl? Autorin Rike Reiniger lässt das Ende offen. Oder doch nicht? Vor der entscheidenden Aussage besinnt sich die Jurastudentin auf die letzten Momente im Leben der Widerstandskämpferin.

 

Widerstand und Korruption

Das eigens konstruierte Fallbeil tötete laut Henker in sechs Sekunden. Die Studentin fragt sich, was in diesen sechs Sekunden in ihrer Namensvetterin vor sich ging. Empfand sie Wut, Trauer, Ohnmacht? Nein, sechs Sekunden Freiheit, erkennt die Hauptfigur. Es geht darum, sich selbst gegenüber loyal zu bleiben. Und nun kann sie vor die Richter treten und im Licht des auf sie gerichteten Scheinwerfers selbstbewusst und mit fester Stimme erzählen, dass sie doch eigentlich kaum etwas mit der großen Namensvetterin zu tun habe.

 

Das Stück ist grandios geschrieben, inszeniert und gespielt – was auch die Jury überzeugt hat. Diese befand, dass das Stück auf geschickte Weise einen aktuellen Loyalitätskonflikt mit der Biografie von Sophie Scholl verquicke. Dabei werde die historische Persönlichkeit nicht nur auf ihrem Sockel als Widerstandskämpferin dargestellt, sondern auch als unbeschwertes junges Mädchen. Gleichzeitig werde über den Konflikt der Jurastudentin das sehr aktuelle Thema Korruption beleuchtet. So sei diese Produktion durch die beiden eng miteinander verwobenen Ebenen letztlich vielschichtiger als der mit 11 Punkten zweitplatzierte »Kuss«.

 

 

Zurück