Der Tanz auf dem schmelzenden Eis
von Bernhard Haage
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 14.06.2021
Tonne-Premiere − Das Tanztheaterstück »Mr. Krake« beleuchtet die psychischen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie.
Reutlingen. Modernes Tanztheater hat im Reutlinger Theater Tonne schon lange eine Bühne. Mit »Mr. Krake« von Yaron Shamir wandert diese Bühne nun auch noch durch die Innenstadt. Am Samstagabend hatte das vielschichtige Werk, das sich mit den Auswirkungen der Pandemie auf die menschliche Psyche auseinandersetzt, Premiere.
An sechs Stationen vom Spitalhof bis zum Theaterneubau folgt das Publikum, mit roten Schirmen bewaffnet, einer Mischung aus Soloschauspiel und energiegeladenem Tanz. Wobei jede Situation einen anderen Aspekt der bedrohlichen Situation hervorhebt.
Schleichendes Unheil
Daniel Tille mit Melone, Streifenanzug und bisweilen auch mit einem schwarzen Luftballon ausgestattet, scheint einem Kunstwerk von René Magritte entstiegen zu sein und sucht sich für seine Rezitationen auch Kunstwerke, die in Reutlingen den öffentlichen Raum bestimmen. Die Texte, die das uralte Schreckensbild einer Riesenkrake als Synonym für unheimliche Bedrohungen nutzen, reichen von Gerüchten um den Ursprung des Schreckgespenstes im weitentfernten China bis zur unmittelbaren Bedrohung, die durch das Eingesperrtsein in der eigenen Wohnung noch eine zusätzliche konkrete Facette erhält.
»So leicht gerät die Weltordnung nicht aus ihren Fugen«, ist sich der Protagonist noch sicher, als er zu Beginn erstmals an der Bedrohung schnuppert. Gleichzeitig aber beginnt ein morbider Tanz von Risa Kojima, Simona Semeraro und Konstantinos Papamatthaiakis. Die Tänzerinnen und Tänzer mit Wanderstiefeln geben dem schleichenden Unheil ein tänzerisches Gesicht.
Chaos und Willkür
An der zweiten Station auf dem Marktplatz bei Otto Herbert Hajeks Stadtzeichen geht es um Regeln, Vorkehrungen. Tanz, Ansprache und rote Regenschirme verschwimmen zu einer eigenwilligen Performance, die auch unter den Passanten für mächtig Aufmerksamkeit sorgt.
Weiter zieht die rotbeschirmte Prozession zur Stadtbibliothek und Grudrun Krügers Kunstwerk »Vogelauge«. Alles wird heruntergefahren, außer die Tänzerin Semeraro, die mit einem verzweifelten, wütenden Solo brilliert, bevor sie zusammen mit Papamatthaiakis einen nicht minder eindrucksvollen Paartanz absolviert. »Wie fühlt sich das wohl an, auf einer schmelzenden Eisfläche zu stehen?", fragt sich der Mann mit Anzug und Melone. Ist das schon der absolute Kontrollverlust?
Nicht weit entfernt von Anton Geiselharts »Sgrafitto« brechen sich Chaos und Willkür auf dem belebten Platz vor dem Tübinger Tor ihre Bahn. Sehr nett allerdings, dass einige spielende Kinder die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer nachahmen und zur durchaus tanzbaren Musik von Stefan Menzel und Sandrow M - als das genaue Gegenteil von Chaos und Willkür - ihre tänzerische Begabung ausprobieren.
Die Wohnung ist eine Burg
Einen viel konkreteren Aspekt der Auswirkungen von Isolierung und sozialer Distanz zeigt anschließend die fünfte Station neben Lothar Schalls »Rose« im Park vor dem Tonneneubau. Die Choreografie auf einer Parkbank ist eine grandiose Idee von Yaron Shamir. »Unsere Wohnung ist nun eine Burg«, verkündet Tille, weiß aber fast im selben Atemzug: »Die meisten tödlichen Unfälle geschehen in den eigenen vier Wänden.« Das Paradoxon von erzwungener Nähe bei gleichzeitig verordneter Distanz wird eindrücklich in Szene gesetzt.
Tänzer stecken in Luftblasen
Kein Wunder, dass beim Finale im Theaterfoyer vor Hap Grieshabers »Fest« alle Tänzerinnen und Tänzer in Luftblasen stecken. Plötzlich ohne Wanderschuhe und beinahe nackt wird der Begriff Freiheit thematisiert. Wie geht es weiter? Sind wir nach der Pandemie wieder frei? Und was bedeutet Freiheit überhaupt für uns? Auch der Schauspieler steigt nun aus seinem Anzug. Und mit einem kraftvollen rhythmisch getriebenen Tanz endet ein außergewöhnliches Tanztheaterstück, das viele wichtige Fragen stellt und mit hervorragenden Tänzerinnen und Tänzern auch ästhetisch zu überzeugen weiß.