METAMORPHOSEN DES NACHTLEBENS
von Moritz Siebert
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 28.04.2012
Premiere in der Reutlinger Tonne: Erst einmal frühstücken
REUTLINGEN. Um 21.30 Uhr beginnt das Nachtleben im Club Desire. Der Sänger Timothy Baker (Michael Schneider) hat die undankbare Aufgabe, den Anfang zu machen.
Zum Titel »Dreamer’s Ball« von Queen stößt Susi (Jan Paul Werge), eine kindliche Frau mit furchtbar dämlichem Lachen, dazu: »Warum kommt eigentlich Keiner zu unseren Konzerten«, fragt sie. Das Nachtleben beginnt halt erst um 21.30 Uhr.
Die gesamte Spielstätte im Spitalhof ist in einen Nachtklub verwandelt. Die Bühne selbst, auf der das Nachtleben vom späten Abend bis in den frühen Morgen in eineinhalb Stunden nachgespielt wird, allerdings weniger: Mit Requisitenchaos, Unmengen an Kostümen und Musikinstrumenten gleicht sie eher einer Werkstatt für Experimentiertheater. Und so kommt das Stück auch daher: spontan, episodenhaft, ohne stringente Handlung und mit einer irrwitzigen Steigerung an Kuriosität. Also eigentlich genau so, wie es sich für eine rauschende Nacht im Club gehört.
Um 23.30 Uhr zeigt sich zum ersten Mal die Hausherrin, Madame du Pain (Schneider), selbst, um die nun schnullerlutschende Susi auf ihrem Schoß mit einem Märchen zu trösten. Der Klub-Gast (in diesem Fall der reale Zuschauer) fragt sich, ob das für diese Uhrzeit nicht schon etwas zu absurd ist. Tatsächlich beginnt das Nachtleben aber jetzt erst richtig. Um Mitternacht folgt ein erstes musikalisches Highlight mit Violine, Melodica, Gitarre und Loop-Gerät, mit dessen Hilfe Werge und Schneider wenig später Schuberts »der Entfernten« anstimmen.
Währenddessen verwandeln die beiden sich in Lady Flore (Werge), eine Gestalt, wie man sie eher in einem Tim-Burton-Film vermuten würde, und in deren Kunden, den Baron (Schneider), den sie nach zwei Stunden »weich und glücklich« gemacht hat. Er stimmt eine Schostakowitsch-Nocturne auf der Violine an und Lady Flore versucht nach dem Mond zu greifen. Der Bezug zur Realität geht verloren. Der Rausch erreicht seinen Höhepunkt.
Da Werge und Schneider nicht nur schauspielerisch in diesem Stück mitwirken, sondern auch das Konzept entwickelten, die Musik zusammenstellten und Regie führten, kann man ihnen natürlich vorwerfen, sie hätten die Rollen auf ihre individuellen musikalischen und schauspielerischen Fähigkeiten zugeschnitten. Das haben sie nämlich zweifellos getan.
Da aber beide jeweils fünf Figuren spielen und mindestens drei Musikinstrumente übernehmen, muss man dann aber auch berücksichtigen, dass dafür ziemlich viele Fähigkeiten notwendig sind. Das zeigt auch die folgende Verwandlung in die Stripperin Helena (Werge) und in einen schmierigem Kerl (Schneider), der ihren Auftritt moderiert: »Ja, das macht Spaß, das gefällt«, kommentiert dieser unentwegt. Dem (in diesem Fall sowohl realen als auch fiktiven) Publikum gefällt das allerdings überhaupt nicht. Mit seinem Desinteresse an Interaktion macht es Werges Auftritt als Helena aber nur noch besser.
Das Höchstmaß an Absurdität erreichen Werge und Schneider, wenn sie zwischen Latenight-Special und Orgie im Saunaklub »wie wunderbarlich ist doch diese Strafe« aus Bachs Matthäus-Passion anstimmen. Das ist einer dieser Momente, in dem das Stück nach Moralischem und Zeichenhaftem fragt, indem es die bitteren Hintergründe eines schmuddeligen Milieus aus Gewalt, Rausch und Unterdrückung ans Licht zerrt: Schwere Kost für ein eigentlich komödiantisch aufgezogenes Stück.
Um sechs Uhr in der Früh beginnt die Kaffeemaschine zu brodeln. Das ist der Zeitpunkt, an dem man sich überlegen muss, ob es sich überhaupt noch lohnt, ins Bett zu gehen. Erst einmal frühstücken ist in jedem Fall nicht verkehrt.