Das Spiel mit den Geschlechtern

von Jürgen Spieß

REUTLINGER NACHRICHTEN, 7.11.2023

 

Reutlingen – Die Tonne feierte mit dem Drag-Showabend »Roaring Twentysomethings« am Samstag Premiere. Weitere Vorstellungen am Wochenende.

 

Eine Travestie-Show an der Tonne? Das konnte das Publikum hautnah miterleben bei der Premiere des Drag-Showabends »Roaring Twentysomethings« rund um die 1920er-Jahre im Tonnekeller am Samstagabend. Im Mittelpunkt standen Betty und Anita, die als Drag-Queens zwischen Schminkraum und Bühne zu »Musik, Tanz und Frivolität« laden.

 

Die Revue spielt in den 20erJahren des vergangenen Jahrhunderts. In einer Zeit, als die Wirtschaft und die Börse verrückt spielten, sich soziale Härte und zügelloser Hedonismus ausbreiteten und der Nationalsozialismus aufkeimte: »Die meisten in Deutschland dachten damals, dass in der Zukunft alles besser wird«, so Enrico Urbanek bei der Vorstellung des Drag-Showabends, »aber das Gegenteil war der Fall«.

 

In dieser Phase treffen die beiden in der Showbranche tätigen Betty (Betty Heart), der schon immer einen Faible für Frauenkleider hatte und Anita (Anne Leßmeister) aufeinander und versuchen, den schwierigen Zeiten durch Frivolität zu trotzen und irgendwie über die Runden zu kommen.

 

Betty, der in jungen Jahren eine Tischlerlehre verweigerte, von zu Hause floh und sich dann lieber einem Zirkus angeschlossen hat, und die ebenfalls mit Varieté-Erfahrungen ausgestattete Anita leben das Spiel mit den Geschlechtern in einer gemeinsamen Drag-Show aus. In dem zweistündigen Abend geht es aber nicht nur um das extravagante Präsentieren im Stile eines anderen Geschlechts, sondern auch um das Drumherum zwischen dem ersten Lidstrich im Schminkraum und der finalen Vorhangöffnung. Es geht um Bedürfnisse, Sehnsüchte und Träume, und die kommen durch Erzählungen, Lieder (musikalische Einstudierung: Ulrike Härter) und Tänze (Choreografie: Anika Kopfüber), die die Zeit damals in den 1920er-Jahren prägten, zum Ausdruck.

 

Auf das übliche Spiel der Illusionen, das man von einer Travestieshow im Allgemeinen erwartet, lassen sich Tonne-Intendant Enrico Urbanek, der Regie führt, und Dramaturg Michel op den Platz, der die Textfassung erstellt hat, erst gar nicht ein. Vielmehr tauchen die beiden Darsteller in die von kulturellen Experimenten, gesellschaftlicher Befreiung und zügellosem Hedonismus geprägten Zeit mit Haut und Haaren ein. Joachim Ringelnatz, Friedrich Hollaender und die Comedian Harmonists kommen ebenso vor wie schrille Tanzeinlagen nach dem Vorbild der in den 1920er-Jahren bekannten und von einer ungeheueren Energie angetriebenen Tänzerin Anita Berber. Alles wird von dem gebürtigen Nürtinger mit bürgerlichem Namen Benjamin und der aus Stuttgart stammenden Anne Leßmeister selber gesungen und getanzt. Begleitet werden sie von dem Pianisten Maciej Szyrner und für die Kostüme zeichnet ebenfalls Benjamin verantwortlich. Der zweistündige Drag-Showabend »Roaring Twentysomethings« soll nicht nur als Zeitrevue angelegt sein, er zeigt auch, wie die Goldenen Zwanziger-Jahre schleichend in wachsende Verunsicherung und offene Armut umschlugen. Parallelen zu Heute sollen nicht betont werden, sind aber offensichtlich.

 

 

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