Lust am Unbeschwerten
von Christoph B. Ströhle
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 6.11.2023
Bühne – Reutlinger Tonne-Theater entführt mit Show-Abend »Roaring Twentysomethings« in die 1920er-Jahre
REUTLINGEN. Ein bisschen verhält es sich bei der derzeit verbreiteten Faszination für die 1920er-Jahre wie mit Anitas Verehrung für die deutsche Tänzerin und Schauspielerin Anita Berber (1899–1928): Man träumt von der Sonnenseite des Lebens, will aber gleichzeitig die eigene Gegenwart nicht gegen das eintauschen, was auf die scheinbar so unbeschwerten Tage folgte: im Fall der 1920er-Jahre die finstere Nazi-Zeit, im Fall von Anita Berber der frühe Tod mit gerade einmal 29 Jahren.
Anita ist eine Sängerin und Tänzerin und wird in »Roaring Twentysomethings«, der neuen, als »Drag-Showabend« angekündigten Produktion des Reutlinger Theaters Die Tonne, von Anne Leßmeister gespielt. Wir erleben sie auf der Bühne und in der Garderobe eines ungenannten Auftrittsorts irgendwo in Süddeutschland. Die 1920er sind schon weit fortgeschritten, und die Bühnenkarrieren von Anita und Betty – Letztere wird von Drag-Performer Betty Heart verkörpert – könnten in der hier in Szenen und Liedern erzählten Geschichte durchaus noch etwas Schwung vertragen.
Beflügelte Fantasie
Dass ein Talentsucher vom Haus Vaterland, dem unlängst eröffneten Vergnügungspalast mit Gaststättenbetrieb auf vier Etagen am Potsdamer Platz in Berlin, im Publikum sitzt, wie Betty gehört haben will, beflügelt nicht zuletzt Anitas Fantasie. Ein am Klavier klebender Druck, der das 1925 geschaffene »Bildnis der Tänzerin Anita Berber« von Otto Dix zeigt, veranschaulicht ihr Vorbild.
Auch so eine Filmkarriere nach Art von Marlene Dietrich wäre fein, findet Anita, die Anne Leßmeister patent, kess und begeisterungsfähig nicht nur in puncto immer neuer Liebschaften aussehen lässt (während Betty in festen Händen ist). Da passt es denn auch, dass Anita »Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre« singt (auch wenn Friedrich Hollaender und Robert Liebmann das Lied erst in den 1930er-Jahren geschrieben haben). Im Lauf des Abends wird Anita als Lookalike Anita Berbers mit roter Perücke und im hochgeschlossenen roten Kleid einen Auftritt hinlegen. Überzeugend, wie alles, was Anne Leßmeister und Betty Heart in dieser Produktion tänzerisch und musikalisch anpacken.
Auch Interesse an Texten von Joachim Ringelnatz und Mascha Kaléko legt Anita an den Tag, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass man diese ja mal ins bunte Unterhaltungsprogramm, für das Betty und sie stehen, einbauen könnte.
Anne Leßmeister und Betty Heart haben an ihren Rollen selbst mitgestrickt. Die – was Phänomene der Zeit betrifft – anspielungsreiche Textfassung des Abends haben Regisseur Enrico Urbanek und Dramaturg Michel op den Platz erstellt. Wobei der Reiz gerade darin liegt, dass sich im Stück Bühnenauftritte und Szenen in der Garderobe, die die Figuren auch mal ungeschminkt zeigen, abwechseln.
Betty liebt es, sich in Schale zuwerfen, in prachtvollen Kleidern (Kostüme: Betty Lust am Unbeschwerten Heart) vor ihr Publikum zu treten, stets passend zum jeweiligen Lied. In einem Fall auch mal in einem Kostüm, das halb männlich, halb weiblich definiert ist. Bertie und Betty zu sein, das ist für ihn/sie kein Widerspruch. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ein Transvestitenschein, wie er damals für Geld zu bekommen war und dem jeweiligen Besitzer ohne Furcht vor behördlicher oder polizeilicherVerfolgung gestattete, in der Öffentlichkeit gegengeschlechtliche Kleidung zu tragen, nicht vor gewaltsamen Übergriffen schützte, wie im Stück anklingt.
Kuss nach Ladenschluss
In Liedern wird das Besondere der Berliner Luft beschworen, geht es um einen »Kuss nach Ladenschluss« oder mit Claire Waldoff um den Optimierungswahn (»Wegen Emil seine unanständje Lust«), dem man sich wortreich verweigert. Bei der musikalischen Einstudierung hatten Anne Leßmeister und Betty Heart Ulrike Härter an ihrer Seite, die Charleston-Schritte haben sie sich von der Stuttgarterin Anika Kopfüber abgeguckt. Maciej Szyrner am Klavier ist Sidekick und Garant für eine stilecht-atmosphärische Musikbegleitung an diesem Abend. Der Tonnekeller erweist sich als idealer Ort für dieses Stück, weil er Publikum und Akteure nah zusammenbringt.
Auchwenn im Vorbeigehen nachdenkliche Töne angeschlagenwerden, so überwiegt an dem Abend doch die Unbeschwertheit, das lustvolle und augenzwinkernde Schwelgen in einer Ära des Aufbruchs und ihren Möglichkeiten. Wenn Anita und Betty »Heut’ geh’n wir morgen erst ins Bett« singen, verleiht einem das auch im Jetzt jede Menge Schwung und gute Laune. Das Premierenpublikum feierte lautstark alle an der Produktion Beteiligten. (GEA)
Das Spiel mit den Geschlechtern
von Jürgen Spieß
REUTLINGER NACHRICHTEN, 7.11.2023
Reutlingen – Die Tonne feierte mit dem Drag-Showabend »Roaring Twentysomethings« am Samstag Premiere. Weitere Vorstellungen am Wochenende.
Eine Travestie-Show an der Tonne? Das konnte das Publikum hautnah miterleben bei der Premiere des Drag-Showabends »Roaring Twentysomethings« rund um die 1920er-Jahre im Tonnekeller am Samstagabend. Im Mittelpunkt standen Betty und Anita, die als Drag-Queens zwischen Schminkraum und Bühne zu »Musik, Tanz und Frivolität« laden.
Die Revue spielt in den 20erJahren des vergangenen Jahrhunderts. In einer Zeit, als die Wirtschaft und die Börse verrückt spielten, sich soziale Härte und zügelloser Hedonismus ausbreiteten und der Nationalsozialismus aufkeimte: »Die meisten in Deutschland dachten damals, dass in der Zukunft alles besser wird«, so Enrico Urbanek bei der Vorstellung des Drag-Showabends, »aber das Gegenteil war der Fall«.
In dieser Phase treffen die beiden in der Showbranche tätigen Betty (Betty Heart), der schon immer einen Faible für Frauenkleider hatte und Anita (Anne Leßmeister) aufeinander und versuchen, den schwierigen Zeiten durch Frivolität zu trotzen und irgendwie über die Runden zu kommen.
Betty, der in jungen Jahren eine Tischlerlehre verweigerte, von zu Hause floh und sich dann lieber einem Zirkus angeschlossen hat, und die ebenfalls mit Varieté-Erfahrungen ausgestattete Anita leben das Spiel mit den Geschlechtern in einer gemeinsamen Drag-Show aus. In dem zweistündigen Abend geht es aber nicht nur um das extravagante Präsentieren im Stile eines anderen Geschlechts, sondern auch um das Drumherum zwischen dem ersten Lidstrich im Schminkraum und der finalen Vorhangöffnung. Es geht um Bedürfnisse, Sehnsüchte und Träume, und die kommen durch Erzählungen, Lieder (musikalische Einstudierung: Ulrike Härter) und Tänze (Choreografie: Anika Kopfüber), die die Zeit damals in den 1920er-Jahren prägten, zum Ausdruck.
Auf das übliche Spiel der Illusionen, das man von einer Travestieshow im Allgemeinen erwartet, lassen sich Tonne-Intendant Enrico Urbanek, der Regie führt, und Dramaturg Michel op den Platz, der die Textfassung erstellt hat, erst gar nicht ein. Vielmehr tauchen die beiden Darsteller in die von kulturellen Experimenten, gesellschaftlicher Befreiung und zügellosem Hedonismus geprägten Zeit mit Haut und Haaren ein. Joachim Ringelnatz, Friedrich Hollaender und die Comedian Harmonists kommen ebenso vor wie schrille Tanzeinlagen nach dem Vorbild der in den 1920er-Jahren bekannten und von einer ungeheueren Energie angetriebenen Tänzerin Anita Berber. Alles wird von dem gebürtigen Nürtinger mit bürgerlichem Namen Benjamin und der aus Stuttgart stammenden Anne Leßmeister selber gesungen und getanzt. Begleitet werden sie von dem Pianisten Maciej Szyrner und für die Kostüme zeichnet ebenfalls Benjamin verantwortlich. Der zweistündige Drag-Showabend »Roaring Twentysomethings« soll nicht nur als Zeitrevue angelegt sein, er zeigt auch, wie die Goldenen Zwanziger-Jahre schleichend in wachsende Verunsicherung und offene Armut umschlugen. Parallelen zu Heute sollen nicht betont werden, sind aber offensichtlich.