Ein packender Untergang
von Sophie Holzäpfel
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 8.7.2023
Sommertheater – Mit »Romulus der Große« führt das Tonne-Ensemble die Zuschauer auf die Spuren Roms.
Als ihm die weltumstürzende Nachricht von dem leichenblassen Innenminister Tullius Rotundus (David Liske) überbracht wird, reagiert der pazifistische Kaiser Romulus Augustus (Rupert Hausner) mit einem gelassenen Schulterzucken. Eine Hiobsbotschaft ist es für ihn ohnehin nicht, will er doch das blutige Imperium schon lange mit wehenden Fahnen untergehen sehen. Warum auch die Weltgeschichte stören? Vor dem Hintergrund eines Krieges wird unter dem Abendhimmel im Reutlinger Spitalhof ein Stück erzählt, das von Patriotismus und Tyrannei nicht weiter entfernt sein könnte.
Romulus rückt seinen goldenen Lorbeerkranz zurecht, schüttelt ein paar Federn aus seinem Morgenmantel und macht sich auf die Suche nach seinen gefiederten Freunden: die Legefrequenz seiner geliebten Hennen ist ihm das Wichtigste.
Rom schwarz, Romulus orange
Schauspieler Rupert Hausner sitzt im Lichtkegel und hält mit prüfendem Blick ein Ei in die Höhe. Er spielt einen humorvollen, lässigen und zuweilen fast philosophischen Romulus, der der Aufregung um sich herum mit geradezu provokanter Gelassenheit begegnet. Nachdem der Kaiser das Römische Weltreich bis zum Ruin heruntergewirtschaftet hat und nun der Einmarsch der Germanen bevorsteht, stellt er sich nicht die Frage, wie das Imperium gerettet werden kann. »Wir gehen unter, nicht die Welt. Das ist ein großer Unterschied«, erklärt er seiner aufgebrachten Ehefrau Julia (Jessica Schultheis), die mit kunstvoll aufgetürmten Haar die Bühne betritt.
Bühnenbildnerin Iskra Jovanović-Glavaš setzt bei der Inszenierung von »Romulus der Große« auf ein klares Setting ohne Transformation: vor dem hellen Hintergrund des kaiserlichen Landhauses wird auf zwei Ebenen gespielt. Die Römer treten in schwarzen, schlichten Kostümen auf, Romulus hebt sich mit seinem orangefarbenen Mantel von ihnen ab.
Hausner überzeugt als hedonistischer Anti-Held mit pointierter Komik. Mit gut platzierten Späßen, dem Einsatz von dramatischer Musik und narrativen Choreinlagen gelingt Regisseurin Marion Schneider-Bast eine moderne und aufgelockerte Inszenierung von Dürrenmatts lehrstückhafter Komödie (Dramaturgie: Michel op den Platz).
Lachsalven aus dem Publikum
Vermeintlich kurze Szenen werden zu komödiantischen Highlights: etwa wenn Apollyon, der Kunsthändler (Bahattin Güngör) im Einkaufswagen die Büsten, die er dem Kaiser abkauft, von der Bühne schiebt oder Romulus plötzlich über das noch nicht bezahlte Hühnerfutter nachdenkt. David Liske brilliert in seiner Doppelrolle als besorgter Innenminister Tullius Rotundus und Kriegsminister Mares. Im fliegenden Wechsel gelingt ihm scheinbar mühelos der Spagat zwischen dem verzweifelten Tullius Rotundus und dem überambitionierten Mares. Liske und Hausner tragen die Inszenierung gleichermaßen und spielen sich die Bälle souverän zu.
Der Gegensatz zwischen der wachsenden Verzweiflung des Hofstaats, der zunehmend panischer wird und dem vergnügten, munter frühstückenden Kaiser stehen im Mittelpunkt der Komödie. Selbst als Schauspieler Seyyah Inal mit seinem Rollstuhl auf die Bühne rollt und sich als Zeno der Isaurier verzweifelt an den Kaiser wendet: »Ohne den Glauben sind wir verloren«, kann das dessen gute Laune nicht trüben. »Also gut, dann glauben wir«, sagt er schulterzuckend und faltet die Hände vor der Brust. »Du glaubst?«, fragt Zeno zweifelnd. »Felsenfest«, antwortet Romulus zutiefst gelassen. Lachsalven aus dem Publikum ertönen im Spitalhof. Während es langsam dunkel wird, nähert sich die Handlung dem Höhepunkt. Der Untergang Roms steht kurz bevor.
Plötzlich betritt Cäsar Rupf (Thomas Hoffmann) die Bühne. Der Hosenfabrikant hebt seinen Hut an und blickt von der oberen Etage auf Romulus herab. »Nur Rom im Anzug wird dem Ansturm der Germanen widerstehen«, verkündet er. Das heruntergewirtschaftete Imperium wolle er nur dann aufkaufen, wenn er Prinzessin Rea (Justine Rockstroh) heiraten dürfe. Rea willigt ein, nachdem ihr geliebter Ämilian (Kirstin Steinhütte) aus seiner Kriegsgefangenschaft zurückkehrt und ihr die kalte Schulter zeigt. Rupf kann sein Glück kaum fassen und bricht in Tränen aus: in Szenen wie dieser zeigt sich, dass hinter jeder der noch so schrägen Figuren die Menschlichkeit entdeckt und gezeigt wird.
Ein echter Germane?
Als der Kaiser die Bewilligung zur Ehe jedoch nicht erteilt, ist der Hofstaat verzweifelt. »Dieser Kaiser muss weg«, stellt Ämilian kopfschüttelnd fest und leitet das große Finale ein.
Doch es kommt anders: Romulus bleibt, seine Familie und die Kammerdiener verlassen ihn jedoch und nehmen das Schiff nach Sizilien. Dass er am Ende also ganz allein der Ankunft der Germanen harrt, scheint fast Teil seines Plans zu sein. Mit großem Gepolter erscheinen Odoaker (Michael Schneider) und sein Neffe Theoderich (Antje Rapp) auf der Bühne. »Du bist ein echter Germane?«, begrüßt Romulus den siegreichen Helden erstaunt. Er sehe schließlich aus wie ein byzantinischer Botaniker. Sein Gegenüber stellt sich als ebenso politikverdrossen und pazifistisch wie der Kaiser selbst heraus. Die beiden eint eines aber noch viel mehr: die gemeinsame Leidenschaft für die Hühnerzucht. In der Bühnenmitte sitzend, tauschen die Anti-Herrscher sich über ihre gefiederten Helden aus.
Unterm Strich
Die Inszenierung bleibt ein leichtes Sommertheater: Für alle, die mit Dürrenmatts Werk vertraut sind, birgt sie zwar keine großen Überraschungsmomente, ist aber dennoch mitreißend und macht Spaß bis zum Ende.
Romulus der Große
von Lukas Lummer
KUPFERBLAU. DAS CAMPUSMAGAZIN, 9.7.2023
Einen Katzensprung von Tübingen entfernt kann man im Sommertheater der Tonne Reutlingen die Landresidenz von Romulus dem Großen besuchen. Der Kaiser Roms haust hier mit seiner Familie, und vor allem mit seinen Hühnern. Friedrich Dürrenmatts Stück wird dabei von einem bunten Ensemble auf die Bühne gebracht, welches die Lust des Kaisers zu regieren mit großem komödiantischen Einsatz konterkariert.
Das Morgenessen
Der Präfekt Spurius Titus Mamma kommt erschöpft an der Residenz des Kaisers an und bringt eine wichtige Botschaft mit sich: Pavia ist im Kampf gefallen und die Germanen rücken näher auf Rom zu. Leider nur ist das nicht der übliche Weg, den Kaiser zu sprechen, und so wird er darauf verwiesen, den üblichen Akt der Bürokratie in Kauf zu nehmen; eine Audienz beim Kaiser sei dann in ein paar Tagen, vielleicht eher Wochen möglich. Das macht der Reiterpräfekt nicht mit und versucht sich selbst seinen Weg zum Kaiser zu bahnen.
Nichts ahnend sitzt dieser am Frühstückstisch, nein, beim Morgenessen. Diese Begrifflichkeit ist Romulus dem Großen ganz wichtig, um zu bezeichnen, wie er von seinen Dienern ein Frühstücksei serviert bekommt. Benannt sind seine Hennen nach großen Persönlichkeiten, manche bereits verstorben. Der Namensgeber des Eis, das er an diesem Morgen verspeist, Odoaker, hat es jedoch mit seiner germanischen Streitmacht auf Rom abgesehen. Der Kaiser wirkt ziemlich uninteressiert, widmet er sich doch lieber dem Verkauf einiger seiner Kunstwerke. Später stößt der Hosenfabrikant Cäsar Rupf hinzu und macht dem Kaiser ein rettendes Angebot: die Germanen, mitunter seinen größten Abnehmern, sind bereit, Rom für eine hohe Geldsumme zu verschonen. Ungeschickt nur, dass der Finanzminister mit der (leeren) Staatskasse abgehauen ist. Cäsar Rupf ist bereit, diese Kosten zu übernehmen und Rom finanziell zu unterstützen, unter einer Bedingung: Er will die Tochter des Kaisers zur Frau haben. Romulus ist auch davon ungerührt, was zu großem Streit unter seiner Belegschaft führt. Fraglich, ob der Kaiser noch so gut für Rom ist. Aus Furcht vor einem Putsch läuft er fortan auf Eierschalen.
Sunny Side Up
Für die Rolle des Romulus fand die Tonne mit Rupert Hausner eine ausgezeichnete Besetzung. Er war lange Zeit eine Institution als Ensemble-Mitglied des Jungen LTT am Landestheater und ist nun im Ruhestand. Das heißt, selbst wieder mehr auf der Bühne stehen. Unterstützung findet er hier vom inklusiven Ensemble der Tonne. Kaiser Zeno, gespielt von Seyyah Inal, rollt lässig über eine integrierte Rampe auf die Bühne. Ebenso elegant kann dieser sich dann auch aus dem Staub machen, als ihm die Lage zu gefährlich wird. Die Kammerdiener des Romulus, Achilles und Pyramus, werden jeweils von einem Chor gespielt, dessen Mitglieder bei Bedarf in eigenständige Rollen schlüpfen. Ein schlichtes, flexibles Bühnenbild, bestehend aus einer Hausfassade, mit vielen Fenstern und Türen, und multifunktionalen Holzquadern, wirkt unterstützend für die Absurdität und Komik der Situation, allem voran die Hühnerfedern, die aus jedem Winkel und Hut herausfallen.
Romulus der Große wird im Sommertheater der Tonne noch ein wenig lustiger dargestellt als im Original. So bleiben manche ernsteren Passagen aus, was der Qualität des Stücks keineswegs schadet. Die neu gewonnene Leichtigkeit, kombiniert mit Dürrenmatts großer Portion Ironie, macht daraus ein Stück für einen schönen Sommerabend. Für alle Theaterfreunde lohnt sich also ein Ausflug in die Innenstadt Reutlingens.