Begegnungen der dritten Art

von Thomas Morawitzky

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 11.10.2021

 

Sonic-Visions-Festival – Drei Tanztheater-Performances zu Mensch und Technik beeindrucken im Tonne-Theater.

 

Mit drei Tanzstücken, drei Künstlergruppen, kam das Sonic-Visions-Festival am Freitag in das Tonne-Theater: Aufführungen von erstaunlicher Kraft und Bildhaftigkeit, die den Menschen als Einzelnen, als Gruppe oder im Spiel mit
den Technologien zeigen. Körper, die wirbeln, erstarren, springen. Die in komplexen Bewegungsabläufen über die Bühne fließen, im Dialog mit dem Licht, mit Rastern, flirrenden Mustern, mit Projektionen oder der Maske künstlicher Intelligenz.

 

»Una Famiglia Di Angeli« heißt das Stück, das David Russo beiträgt zu diesem Abend. Der Choreograf wurde in Italien
geboren, lebt in München, tritt auf mit der Tänzerin Dana Terracina und Lorenz Heine, einem kleinen Jungen. Ihr, Thema ist die Familie, der Alltag; sie binden Gesten und Bewegungen des täglichen Lebens ein in ihren Tanz.

 

Eine zusätzliche Dimension erhält die Performance durch die Lichtkunst von Michael Gene Aichner, die Videokunst von Martin Mayer, die Musik von Jan Faszbender. Auf die erstaunlichste Weise hüllt die Technologie die tanzende Familie in Licht, umspielt ihre Bewegungen mit gleißenden Mustern, Schraffuren, die ihren Körpern folgen, sie in tanzende Strahlenwesen verwandeln. Die Akteure sind ständig gehüllt in eine Aura von Strichen und grafischen Elementen, die sich flirrend klarer Kontur entzieht. Das Licht fällt auf die Tänzer, gibt ihnen seine Textur, fällt als ihr größerer Umriss auf die Bühnenwand, wo sie zu übergroßen Figuren werden, die sich im Tanz einander annähern, voneinander entfernen, eins werden.

 

Sawako Nunotani heißt die Tänzerin in »Robot Dreams«, dem Stück der Stuttgarter Company Meinhardt & Krauß – das
sind Iris Meinhardt und Michael Krauss, die hier für Regie, Dramaturgie sowie den Bau der Roboter und die Szenografie verantwortlich sind. Es geht um künstliche Intelligenz, um Maschinen, die den Menschen in seinen Bewegungen imitieren. Und um den Menschen, der zur Maschine wird.

 

Die Maschine spricht

Sawako Nunotani tanzt mit zwei oder drei künstlichen Wesen – erst um einen Roboterkopf, angebracht auf einem
Sockel, ein Gesicht, das noch menschlicher wird durch eine Stimme, die sagt: »Sometimes I hear things. I hear a heartbeat. It is not my heartbeat. It is probably someone else's heartbeat.« (»Manchmal höre ich Dinge. Ich höre einen Herzschlag. Es ist nicht mein Herzschlag. Es ist wohl der Herzschlag eines anderen.«)

 

Einen Herzschlag besitzt keine Maschine, auch nicht jenes spinnenhafte Metallwesen, das in der anderen Bühnenhälfte auf dem Boden kauert, sich bewegt (Steuerung und Programmierung: Nadja Weber), neben dem die Tänzerin sich auf den Boden kauert. Mit einem dritten Element, klein, unvollständig, ein schwanzartiger Fortsatz, ein Horn vielleicht, vollzieht sich dann die getanzte Symbiose.

 

Oliver Fricks elektronische Musik begleitet dieses Spiel mit Sphärenklängen, Soundfragmenten, harmonisch oder schrill. »I'm not a robot. I am the shape of a dream« (»Ich bin kein Roboter. Ich bin die Gestalt eines Traums.«) – mit diesen
Worten endet das Stück. Und mit einem Verweis auf William Shakespeares »Sturm« und seine Geister.

 

»Eye Inside« wird getanzt von Katharina Wunderlich aus Berlin. Meist tritt sie mit ihrer Schwester Caroline auf, einer
Komponistin, die auch elektronische Geige spielt; diese ist in Reutlingen jedoch verhindert. Ins Innere eines Menschen
soll die getanzte Reise hier führen – repräsentiert wird diese Welt durch Projektionen, durch Videos, die die Körperwelt in eine gewaltige Mechanik verwandeln, durch Verdoppelungen der Tänzerin.

 

Einkehr ins Innere

Katharina Wunderlich reagiert mit größter Spannung und Beweglichkeit auf die Situationen, mit einem von Augenblick zu Augenblick wechselnden Ausdruck. Den Raum erlebt sie so, wie er vom Bild bestimmt wird, also immer wieder anders. Sie kehrt ein ins Innere und kehrt ihr Inneres nach außen.

 

Mit »Una Famiglia di Angeli«, »Robot Dreams« und »Eye Inside« präsentierte das Theater Tonne die drei Gewinner des »Open Calls« (des »offenen Aufrufs«, Stücke einzureichen) des Sonic-Visions-Festivals: drei Performancestücke, die auf faszinierende Weise den menschlichen Körper, Technologie, Bild und Klang verbinden und neu erkunden.

 

 

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