Die Nadel im Fleisch

von Bernhard Haage
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 23.02.2019

 

Premiere − Missbrauch in der Familie: Das Reutlinger Theater Die Tonne mit einem Tabuthema

 

Es ist eine beklemmende Geschichte vom Machtmissbrauch und Abhängigkeit, die das Theaterstück »Tätowierung« von Dea Loher thematisiert, das am Donnerstagabend unter Regie von Enrico Urbanek im Reutlinger Theater Tonne Premiere hatte. Sexueller Missbrauch in der Familie ist immer noch so tabuisiert, dass sich die Opfer oft mit Unverständnis konfrontiert sehen.

 

Von außen betrachtet, sind die Wuchts eine ganz normale Familie, Vater Wolfgang (gespielt von David Liske) ist ein erfolgreicher Bäcker, seine Frau Juliane (Chrysi Taoussanis) arbeitet in einem Hundesalon. Die beiden haben zwei Töchter, Anita (Nina-Mercedés Rühl) die ältere und Lulu (Anne Leßmeister) die jüngere. Der Alptraum hinter der Fassade ist, dass der Vater Anita regelmäßig sexuell missbraucht und sie mit Drohungen, mit Hinweisen auf das, was angeblich ein gutes Vater-Tochter-Verhältnis ausmacht, und mit Geschenken gefügig und verschwiegen hält.

 

Nur mit Lulu spricht sie gelegentlich über das »Unaussprechliche«, weswegen die Jüngere bereits auch ein gestörtes Verhältnis zu Sexualität und Beziehungen hat. Eine besonders schlimme und tragische Rolle spielt im Stück auch die Mutter. Sie weiß Bescheid, aber versucht alles, um die trügerische »heile Welt« aufrecht zu erhalten.

 

In 27 Szenen und vor einer Kulisse die an Felsklötze erinnert, erleben die Zuschauer, wie sich Anita aus ihrem Elend zu befreien versucht. In einer Diskothek lernt sie Paul (Daniel Tille) kennen − einen netten jungen Mann, dem sie sich anvertraut und mit dem sie schließlich sogar zusammenzieht. Aber das Verbrechen verfolgt sie auch bis in das neue Zuhause: Sie bekommt ein Kind mit Behinderung, das von ihrem Vater stammt, und als Schwester Lulu zu ihr flüchten will, weil sie nun zum Opfer des Vaters wird, verhindert dies Paul.

 

Anita zerbricht beinahe an dem schlechten Gewissen, ihrer Schwester nicht geholfen zu haben, und erträgt nun auch die körperliche Nähe zu ihrem Freund nicht mehr. Der will in seiner Verzweiflung dem Spuk ein Ende machen, indem er den Bäcker umbringt. Dass er das nicht schafft und schließlich Anita die Waffe in Händen hält, zeigt noch einmal eindrücklich, wie ausweglos und verzweifelt die Situation ist.

 

Der Satz »Meine Nadel stech´ich dir ins Fleisch. Meine Tätowierung« des Vaters hat dem Stück den Titel gegeben und erinnert gleichzeitig an die oft lebenslang bleibenden Folgen von Missbraucherfahrungen.

 

Einige Regie-Ideen sorgen dafür, dass es außer Beklemmung noch etwas anderes zu erleben gibt. So bürstet die von Allergien geplagte Mutter ein riesiges Hundefell an der Wand und Paul, der in einem Blumengeschäft arbeitet, kann die Blumen ebenfalls von einer Wiese an der Wand abpflücken. Dass innerhalb der Familie misstrauisch beobachtet und belauscht wird, signalisiert eine Öffnung im Fels, durch das immer wieder die heimlichen Beobachter zu erkennen sind. Zur Vorbereitung des Stücks hat sich die Tonne Unterstützung gesichert: Vertreterinnen vom Weißen Ring und dem Verein Wirbelwind haben den Probeprozess begleitet und betreuen einen Infostand bei den Vorstellungen.

 

Unterm Strich

Das Stück »Tätowierung« macht das Unfassbare fassbar und schafft es ohne Schockeffekte, den Blick auf ein schlimmes Verbrechen zu lenken, das in unserer Gesellschaft leider immer noch alltäglich ist.

 

 

Ausweglos und verstörend

von Madeleine Krauth

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 23.02.2019

 

Theater − Die Tonne wartet mit einem modernen Kammerspiel und dem Tabuthema des Missbrauchs in Familien auf

 

REUTLINGEN. Steriles Licht, drei schwere »Beton-Klötze« als Bühnenkulisse gestalten das fulminante und doch so verstörende Kammerspiel »Tätowierung« von Autorin Dea Loher in der Regie von Enrico Urbanek. Das Stück über sexuellen Missbrauch hat am Donnerstagabend im kleinen Saal des Neubaus der Reutlinger Tonne Premiere gefeiert.

 

Mit der betonartigen Triptychon-Konstruktion von Sibylle Schulze verdichtet und verschmilzt die ganze Handlung sowie die Dreier-Konstellation zwischen dem Vater und seinen beiden Töchtern. Nach außen sind die Wuchts eine ganz normale Familie. Doch Vater Wucht, der aussieht wie ein normaler Bürger, missbraucht Tochter Anita. Die jüngere Tochter Lulu reagiert eifersüchtig auf das enge Verhältnis von Vater und Schwester Anita, sie neidet Anita die Geschenke des Vaters. Wuchts Ehefrau weiß scheinbar nichts. Paul, Anitas neuer Freund, scheint das herrschende Familiensystem zu kippen.

 

Die Kulisse ist Ausdruck der Kälte und ein Gefängnis: Die emotionale Abstumpfung und Zerstörung der Familie durch einen tyrannischen Vater, der in seinem Allmachtsgefühl jede Freude zerstört, über jeden und alles bestimmt: »Die Schwarzen treiben es mit ihren Töchtern. Das ist ihre Pflicht«, sagt Vater Wucht an seine Tochter Anita gewandt.

 

Triebe, über jeder Vernunft
Sicherlich bewusst wird immer wieder mit dem Triebhaften gespielt. »Was kann ich für meinen Trieb?«, fragt der Vater. Damit beschäftigt sich bereits Freud. Ist der Vater einfach ein unreifes Opfer? Mitnichten − mit seinen materiellen Zuwendungen, wie einem teuren Handy, beruhigt er sein schlechtes Gewissen und erkauft sich scheinbar die Liebe seiner Tochter.

 

Die beiden Hauptfiguren Vater und die älteste Tochter Anita − David Liske und Nina-Mercedés Rühl − brillieren in ihren Rollen. Die Wut des Vaters bei drohendem Kontrollverlust schlägt sich in jeder Geste Liskes nieder. Rühls Mimik spiegelt jede Emotion wieder. Noch hat Anita Hoffnung. Und doch lässt sie die Angst vor Berührung erstarren. Wucht drückt ihr sein »Vatermal« wie eine Tätowierung auf und lässt seinem Trieb freien Lauf.

 

Mit afrikanisch-psychedelischer Xylofon-Musik wird das Grauen angekündigt, aus dem es scheinbar kein Entkommen gibt − ausweglos.

 

Außerdem wird das Spiel der Schwester zwischen Neid, Anerkennung und Eifersucht ebenfalls immer wieder zugespitzt. Lulu, gespielt von Anne Leßmeister, weiß alles. In ihrer Verzweiflung um die nicht vorhandene Anerkennung des Vaters will sie ebenfalls die Blutstropfen auf der Matratze haben, die Entjungferung, brachial mit dem Messer.

 

Das Scharlachrot, das Blut, ist ein klarer Farbkontrast, ein Gegensatz zur dunklen Kleidung der Schauspieler und Kulisse. Und doch ist das Rot, die Sünde und die Zerstörung − ausweglos. Farbe und Hoffnung verspricht das Kennenlernen Anitas mit Paul Würde. Der Florist, gespielt von Daniel Tille, sorgt mit Blumen und grüner Hose für Hoffnung. Auch Anitas Kleid hat auf einmal rot blühende Rosen. So wie die Blumen für Liebe und Hoffnung stehen. Plötzlich scheint doch Harmonie möglich. Dann »faulen die Blumen«. »Dein Vater ist stärker als ich.« Die Beziehung zerbricht − ausweglos.

 

Regisseur Urbanek hat ein eindrucksvolles Stück mit 27 blitzlichtartigen Szenen, Lichteffekten, knallender Wortlosigkeit, Wut, Geschrei und Zerstörung bis zur stetig getriebenen Steigerung inszeniert. Das und die Intensität der Schauspieler kamen in der ausverkauften Tonne beim Publikum durchweg sichtlich − verstörend − und dennoch gut an.

 

Die Ausweglosigkeit eines Missbrauchsopfers ist realistisch − doch zeigt es Jugendlichen, die es mit ihrer Klasse anschauen, keine Lösung. Das bietet viel Stoff für eine Nachbesprechung.

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