Fremdgehen auf »W«

von Armin Kanuer

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 22.3.2025

 

Bühne – Aufs Schönste scheiternde Kommunikation: Die Tonne lädt zum Lachtraining mit Sketchen von Helge Thun

 

REUTLINGEN. Es darf gelacht werden. Angesichts multipler Krisen auf der Welt lädt die Tonne zur Zwerchfell-Lockerung. Den Stoff dafür liefert mit Helge Thun ein Klassiker der südwestdeutschen Humorszene. Weshalb der Titel »Thuns komische Werke« völlig in Ordnung geht. Der Meister mit norddeutschem Migrationshintergrund stiftet dazu nicht nur die Texte, sondern führt auch Regie und sorgt für die Ausstattung.

 

Was gut ist, denn der Sketch als solcher ist theatertechnisch heikles Terrain. Timing, Figuren, Wortwitz, Situationskomik – allzu viel muss passen, damit die Menge an vorgesehener Stelle losprustet. Womit die Theaterform des Sketch-Abends lustigerweise dieselbe Problematik ereilt, die ihr eigentliches Thema ist. Denn Sketch für Sketch geht es, bei Helge Thun nicht anders als bei Loriot, um den Fakt, dass gelingende Kommunikation die unwahrscheinlichste Sache der Welt ist.

 

Verhör mit Reimzwang

 

Nur dass Helge Thun noch ein bisschen gemeiner ist als der freundliche Herr Loriot. Und seinem Kommunikationspersonal zur ohnehin schon hohen Unwahrscheinlichkeit gerne noch ein paar Zusatzhürden auferlegt. Beim Seitensprung von Waltraut mit Walter etwa muss aus irgendwelchen Gründen jedes Wort grundsätzlich mit einem »W« anfangen. Während sich im Verhör der mordverdächtigen Frau F. jeder Satz auf »-acht« reimen muss. Mit solchen Kunstgriffen lenkt Thun die Aufmerksamkeit vom Inhalt des Dialogs auf die Tatsache, dass Kommunikation als solche schon wahnwitzige Züge hat.

 

Damit daraus Komik wird, muss die Sache locker, flockig und mit einer gewissen Lässigkeit daherkommen. Genau das geschieht hier: David Liske klimpert beim Reinlaufen schon mal auf dem E-Piano herum; Rupert Hausner scheint noch als Besucher seinen Stuhl zu suchen; Chrysi Taoussanis und Magdalena Flade rollen genervt die Augen, wenn einer der Kollegen wieder mal von der falschen Seite auftritt – oder nicht wie vorgesehen durch die Tür, die als zentrales Bühnenelement mitten im Raum steht. Womit sie endlosen Slapstick ermöglicht. Sich zwischendurch über die eigene Aufführung lustig zu machen, gehört mit zum Spiel. Zumal der Besucher nie weiß, was nun echte, was inszenierte Panne ist.

 

Als Guevara in Havanna war

 

Aus diesem Geplänkel müssen sich nun in Sekundenschnelle die eigentlichen Szenen formen. Und die Typen, die da im Spiel sind, prägnant Profil gewinnen, fast wie Comicfiguren. Das klappt umwerfend. Rupert Hausner ist der beinhart verhörende Kommissar, der zerstreute Vereinskassenwart, der Ritterspiel-Veranstalter, der zu tief in sein Hobby verstrickt ist. Chrysi Taoussanis ist die pikierte Sexualtherapeutin im Medizintalk, die coole Gender-Aktivistin im Krisenmodus, die Wohlstandsfrau imWellness-Stress. Magdalena Flade ist das Flötenengelchen, das den Text vergessen hat, die Mordverdächtige, die ihre Unschuld beteuert, die Kulturjournalistin im ehrfürchtigen Interview mit dem Starpianisten. David Liske ist der Koi-Käufer in der Wortspiel-Endlosschleife, der Starpianist mit Spezialwissen über Chopins Trauermarsch und zusammen mit Hausner der Seniorenheim-Bewohner, der sich in alten Revoluzzerzeiten verliert: »Weißt du noch, wann Che Guevara in Havanna war?« Das alles hat Pep, die Komik sitzt.

 

Launiges Geplänkel

 

Man will sich wegwerfen, wie sich die vier Szene für Szene durch Herausforderungen der Verständigung kämpfen, die notwendig scheitern müssen. Und wie sie versuchen, dabei Haltung zu bewahren. Das launige Geplänkel zwischen den Szenen (»Solltest du nicht von der anderen Seite auftreten?«) setzt dem die Krone auf. Wie sagte doch Helge Thun? Ohne Scheitern keine Komik. Weshalb alles in einen Songreigen auf die Kalamitäten des Bahnfahrens mündet. (GEA)

 

 

Wilde Wachtel und wuchtiges Walross

von Jürgen Spieß

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 22.3.2025

 

Theater – Am Donnerstagabend feierte die Inszenierung »Thuns Komische Werke« in der Reutlinger Tonne Premiere. Zwei Kifferbrüder schwadronieren darin im Altersheim über Erinnerungen.

 

Was Magdalena Flade, Rupert Hausner, David Liske und Chrysi Taoussanis an diesem Theaterabend auf die Tonne-Bühne im Spitalhofkeller bringen, ist sicher mehr als eine Helge-Thun-Nummern-Revue. Mit komischen Sketchen, Szenen und Monologen, mit kleinen Slapstick-Nummern, Wortspielen und Situationskomik versucht die Premiere von »Thuns Komische Werke«, die Komik-Ebene des Tübinger Comedians mit friesischen Wurzeln mit Theaterstoff zu verbinden.

 

Thun selber steht allerdings nicht mit auf der Bühne, sondern zieht im Hintergrund als Regisseur die Fäden. Dafür hat er seine Comedy-Programme der letzten 20 Jahre gesichtet und einige besonders in den Theaterkontext passende Sketche herausgekramt. Tatsächlich gleicht dieser Abend einem Sketche-Feuerwerk, bei dem pointenreiche Sprachfinesse auf mehrdeutige Wortspielereien und spritzige Satire prallen. Während David Liske das Publikum zur Begrüßung mit pianistischen Einlagen auf den Abend einstimmt, betreten die anderen Drei die Bühne und beginnen ein Gespräch über »schleierhaftes Scheitern«, bei dem alle Wörter mit »Sch« anfangen.

 

Danach eröffnet das kauzige Quartett in schneller Abfolge eine Diskussionsrunde »zur Geschlechtsumwandlung von Mario
Barth« und fordert »statt frauenfeindlicher Sprüche frauenfreundliche Küchen«. Gefolgt von einer irren Wirtshausszene, bei der Rupert Hausner und David Liske über einen bäuerlichen »Koi-Karpfen-Verkäufer« aneinander vorbeireden, der »koin Koi hat, schließlich käut der Koi koi Heu«.

 

In einem weiteren Sketch von Thun ergeht sich das Quartett bei einem Deutschlandradio-Talk mit einem Pianisten über den Trauermarsch von Frédéric Chopin. Auf der einen Seite eine geistreiche, ironische und gut gespielte Parodie auf die kulturbeflissene Klassikszene, auf der anderen ein von Mollakkorden begleiteter Talk zum gewollten Gähnen und Einschlafen. Wortspielereien im Stile von Loriot kommen hier ebenso zum Tragen wie bei dem Sketch mit Magdalena Flade, die nach dem »Wellness-Stress« zur Entspannung erstmal ausgiebig shoppen und Champagner saufen muss: »Das harte Leben lässt mich nicht ruh’n! Könnt ich nur einmal was für mich tun!«

 

Für viele Lacher sorgen auch der Dating-Sketch mit der »wilden Wachtel« Waltraud und dem »wuchtigen Walross« Walter sowie die wortspielerischen Che-Guevara-Plaudereien zweier Kiffbrüder, die im Altersheim über Erinnerungen an alte Revoluzzerzeiten schwadronieren.

 

Den scheinbar leichtfüßigen Pointen, auf die Helge Thun in seinen Gedichten und Wortspielereien stets so minutiös hinarbeitet, gewinnen Magdalena Flade, Rupert Hausner, David Liske und Chrysi Taoussanis mit feinsinniger Mimik beziehungsweise staubtrockenem Tonfall zum Teil ganz neue Seiten ab. Die gut anderthalb Stunden leben vor allem von den spritzig-humorigen Slapstick-Nummern, aber natürlich auch von Thuns Liebe zu Sprachspielen und absurden Versen ganz nach dem Vorbild des Lyrikers Robert Gernhardt.

 

Die Gags schleichen sich oft auf leisen Sohlen in scheinbar Altbekanntes. Nur um dann unter Getöse in die Gegenrichtung Reißaus zu nehmen. Es kommt eben nicht darauf an, was man sagt, sondern wie man es sagt.

 

Dabei huldigen die vier Damen und Herren dem Sprachwitz Helge Thuns nicht in blanker Nachahmung, sondern bringen eigene Fertigkeiten mit ein. Etwa zum Ende des Programms, wenn sie gemeinsam mehrere bekannte Schlagerfetzen zu singen anfangen und textlich ummodeln oder bei der Zugabe »Wir essen Hummer, Hummer, Täterä« eine stimmungsvolle Polonaise bilden.

 

 

Comedy – Thun für die Tonne

von Martin Bernklau

CUL-TU-RE.DE, 24.3.2025

 

Der Tübinger Komiker bringt seine Sprachakrobatik mit einem übermütigen Schauspieler-Quartett in den Reutlinger Tonnekeller

 

REUTLINGEN. Was Otto für Ostfriesland, ist Thun für Tübingen. Helge hier, Waalkes dort. Wo er aber wohnt, in Reutlingen, da brachte der Comedian, Zauberkünstler und Moderator jetzt »Thuns Komische Werke« mit einem hinreißenden Quartett auf die Bühne als »Texte für die Tonne von Helge Thun«. Er führte im Hintergrund Regie. Der traditionsreiche Tonnekeller war auch am Sonntag, drei Tage nach der Premiere, ausverkauft.

 

Sie blödeln ja beide. Aber während Otto eher das Kind im Menschen multimedial anspricht, reitet Helge Thun mit seiner Verbalakrobatik eher (wie »Ritter Ivanhoe«, eine der besten unter lauter tollen Nummern) gnadenlose Attacken auf das Sprachzentrum. Sein Stil wird hin und wieder mit Loriot verglichen oder dem absurden Wortwitz eines Robert Gernhardt und der feinziselierten Sprachanarchie der ganzen Neuen Frankfurter Schule zugerechnet, ist aber wahrhaftig etwas ganz Eigenes.

 

Thuns komisches Waffenarsenal seiner Sketche, Szenen und Monologe reicht von der Nadelspitze über die ritterliche Lanze bis zur Kanone großen Kalibers. Für die zum Brüllen komische Reutlinger Tonne-Mischung hat er seine Schreibtischschublade (heutzutage Festplatte) geplündert und aus Nummern der vergangenen zwei Jahrzehnte eine Art »Best of« gebastelt, das er aber thematisch zeitkritisch und spartenmäßig gewichtet hat.

 

Denn es gibt da vielerlei Figuren in dieser hohen Kunst der Sprachspielerei, die sich komödiantisch als Satire, Parodie oder Persiflage verstehen lassen. Alle haben sie sogar wissenschaftliche Bezeichnungen, Fachbegriffe, die das Programmheft sehr aufschlussreich ordnet. Die Homophonie »Meine Couch ist sofalockend« etwa, die mehrdeutige Polysemie (»Was macht der Clown im Büro? Faxen«) als klassischer Wortwitz, Schüttelreime, Zungenbrecher, Buchstabendreher, überraschende Worttrennungen, Abwandlungen fester Redewendungen, Kaskaden von gleichen Reimen und gleichen Konsonanten und vieles, vieles mehr.

 

Das Kunstvolle darf nie gekünstelt oder ächzend bemüht klingen, sondern muss wie ein vom Himmel gefallenes Musengeschenk wirken. Und das beherrscht Helge Thun wirklich wie kein Zweiter. Nach der wunderbar improvisierenden Klaviereinleitung von David Liske ließ er mit lauter »Sch…«-Worten eine ganze Geschichte rund ums Geld erzählen, die mit Schulden böse endet, aber das Publikum schon mal vom Glucksen zum lauthalsen Lachen lockert. Das Quartett spielte sich warm und allmählich in einen disziplinierten Rausch. Eine dankbare Abwechslung für Schauspieler, diese übermütige Comedy.

 

Die beiden Frauen Chrysi Taoussanis und Magdalena Flade wollen im Kampf gegen frauenfeindlichen Humor Mario Barth umoperieren und Dieter Nuhrs Geschlecht umdefinieren, einigen sich schließlich aber auf die altbewährte Demo. Ganz große Klasse sind auch Rupert Hausner und David Liske als Alt-68er mit Rolli und Gehstock, die gnadenlos wortverdreht über Ché, Havanna und die Weltrevolution philosophieren. Hausners Verhöre als Kriminaler sind genauso lustig wie die Schwaben-Nummer um Koi- und Karpfen-Käufer mit Liske oder die Begräbnis-Rede im Trio.

 

Die Phrasendrescherei von Talkshows wird – immer hart am Wind des politisch Unkorrekten – unbarmherzig paraphrasiert, aber auch der Wellness-Wahn oder die hohle Kulturhuberei des penetrant gendernden Deutschlandfunks um Chopins Trauermarsch. Trauer oder Marsch, das ist hier die Frage. Radioredakteurin Magdalena Flachwitz befragt David Liske als russischen Tastenstar nach den großen Interpreten Rachmaninoff, Horowitz und Rubinstein, die seine eigene Deutung locker in die Tasche steckt. Hinten klimpern Chrysi Taoussanis und Rupert Hausner die immergleiche einfache Tonfolge. Köstlich.

 

Man kann das hier schlecht referieren. Man muss das gesehen, gehört und erlebt haben. Das Publikum war hingerissen, gluckste und prustete im Wechsel, auch wenn diese auf Spitzen getriebene Sprachspielerei zuweilen doch höchste Aufmerksamkeit erforderte und in ihrem atemlosen Tempo durchaus auch mal anstrengend wurde. Die beiden Zugaben nach jubelndem Applaus waren auch vom Feinsten: eine mindestens sechsteilige Schlager-Parodie rund ums Thema Reisen mit der Deutschen Bahn und eine weitere »Oifach älles«, die in einer übermütigen Oregano-Olé-Polonaise endete.

 

 

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