Die Unwirtlichkeit der Städte

von Christoph B. Ströhle

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 09.11.2019

 

Tanztheater − »Urban Wolves« von Yaron Shamir mit Texten von Daniel Tille feiert am Theater Die Tonne Premiere

 

»Urban Wolves« hätte ein Fremdkörper im Programm des Theaters Die Tonne sein können. Ist es aber nicht. Das spartenübergreifende Projekt, von der Tonne als Auftragsarbeit an den in Berlin lebenden israelischen Choreografen Yaron Shamir vergeben und aus Projektmitteln des Landes Baden-Württemberg gefördert, ist eine echte Bereicherung: Tanz, Schauspiel, Musik, Geräusche und Licht im Zusammenspiel schaffen eine dichte, intensive Atmosphäre.

 

Gut durchgetaktet, mit überraschenden Wendungen kommt das assoziativ das Thema Stadtwölfe behandelnde Stück daher, das am Donnerstagabend im Saal der Tonne Premiere feierte. Und voller Sogkraft. Ein großer Wurf! Der an diesem Samstag und Sonntag, 9. und 10. November, und dann wieder vom 6. bis zum 9. Februar in Reutlingen zu sehen ist. Zwischendurch wohl auch in anderen Städten im In- Und Ausland.

 

»Urban Wolves« kostet die 60 Minuten, die es dauert, voll und ganz aus. Längen gibt es nicht, lediglich Momente, in denen etwas Tempo rausgenommen wird. Dann hört man die Stadtwölfe schwer atmen. Oder sie kommen, wie kurz vor Ende des Stücks, bis auf ein, zwei Meter an das Publikum heran. Schauen einem aus schwarz verschmierten Gesichtern lange in die Augen, bis es fast unangenehm wird.

 

Isoliert von der Außenwelt

Das ist eine der Stärken dieses Tanztheaterabends. Dass man als Zuschauer auch räumlich dicht am Geschehen ist. Die Tänzer Konstantinos Papamatthaiakis, Priscilla Pizziol, Nora Vladiguerov und Tobias Weikamp und Schauspieler Daniel Tille agieren auf einer weiß markierten quadratischen Fläche in der Raummitte, die voller künstlicher schwarzer Blütenblätter ist. Das Publikum sitzt auf drei Seiten um diese ins Zwielicht getauchte Fläche herum. Sieht die menschlichen Wölfe − oder sind es wölfische Menschen? − ihre Pfoten spreizen, einander beschnuppern, animalisch, geschmeidig ihre Instinkte ausleben. In Bewegung. In Tanz, der unter dem Einfluss eines Lehrmeisters, den Tille gibt, in Anpassung an die Bedürfnisse des städtischen Lebens, ritualisierter, mechanischer wird. Gezähmt, das Selbst unterdrückend. Bis die alten Instinkte wieder durchbrechen, sich mit Ehrgeiz, Gefallsucht oder Habgier mischen.

 

Da ist die Szene, in der Nora Vladiguerov so sehr um sich selbst kreist, dass sie den Kontakt zur Außenwelt komplett verliert. Die anderen fegen mit Besen die künstlichen Blütenblätter alle zu ihr, verdeutlichen so die Insel, auf der sie, sprich ihre Figur, mit ihrer Selbstbespiegelung, ihrer Eitelkeit allein ist. Hineingeworfen in eine beschützend-feindliche Umgebung. Die Ausweglosigkeit wird ihr erst klar, als sie fast völlig in die Isolation verstrickt ist.

 

Vehemenz und Körperbeherrschung zeichnen die Tanzdarbietungen zur zwischen Elektronik mit harten Beats und Sinfonik pendelnden Musik von Stefan Menzel alias Sandrow M aus. Wobei die Stadtwölfe gerade in der Begegnung miteinander auch von Anmut geprägte Momente haben.

 

Das Zwielicht bleibt den Abend über weitgehend erhalten, genau wie der künstliche Nebel, der sich über diese abstrahierte Stadt und ihre Bewohner legt. Wobei Daniel Tille anfangs die Devise ausgibt: »Es ist unsere Jagd, es sind unsere Regeln. Wir betreten das Spielfeld, stürzen uns ins Unbekannte.« Die Texte, die er als Mitakteur auf dem Spielfeld vorträgt, hat er selbst verfasst, in enger Abstimmung mit Choreograf Yaron Shamir.

 

Die Unwirtlichkeit der Stadt, dieser künstlich geschaffenen »Natur«, macht es den Wölfen nicht leicht, wobei Anpassungsdrang und die Kunst, die anderen den eigenen Angstschweiß nicht länger riechen zu lassen, die Sache erleichtern. Genau wie Schnelligkeit, Präzision und Kraft.

 

»Tarnt euch, manipuliert, stellt Fallen, bleibt hungrig«, rät der Lehrmeister ihnen. Gibt es ihn überhaupt? Ist es die innere Stimme, die so spricht? Ein Fall von massenhafter Autosuggestion? Die Herausforderungen sind ganz andere als die des ursprünglichen Lebens in der Natur − als Teil der Natur. Als Stadtbewohner bekommen es die Wölfe auch mit Feinstaub und Mikroplastik zu tun. Das Biest, das sie nun jagen, sind sie selbst. Zu Gegnern für die »Helden unserer Ignoranz« werden die Doppelmoral und die eigene Scheinheiligkeit. Tille spricht im Stück auch von der »dunklen Seite des Mondes in uns.«

 

 

Nur Staubpartikel aus Schmutz

von Bernhard Haage

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 09.11.2019

 

Tanztheater − Im Reutlinger Theater Tonne wirbelten als düsteres Spiegelbild Yaron Shamirs urbane Wölfe

 

Reutlingen. Einen mitunter gruseligen Blick auf die dunklen Seiten des Menschen erlaubt die Tanztheater-Auftragsarbeit »Urban Wolves« des Reutlinger Theater Tonne. Der israelische Choreograph Yaron Shamir lädt zu einem albtraumartigen Wolfstanz im schwarzen Blättermeer. Am Donnerstagabend hatte das Stück Premiere.

 

Spartenübergreifende Arbeiten passen gut in das Konzept der Tonne. Und mit Yaron Shamir setzt sich eine Zusammenarbeit fort, die bereits in den Tanztheater-Festivals ihren Anfang nahm. Mit Priscilla Pizziol, Nora Vladiguerov, Konstantinos Papamatthaiakis und Tobias Weikamp übernehmen vier ausdrucksstarke und geradezu artistische Tänzerinnen und Tänzer die Rolle der städtischen Wölfe, die der Choreograph zusammen mit dem Schauspieler Daniel Tille in den Ring führt.

 

Tatsächlich sitzt das Publikum bei »Urban Wolves« wie in einer Boxarena um die mit schwarzen Blättern übersäte Bühne herum. Mit Nebelmaschinen wurde der Saal bereits vor Vorstellungsbeginn in eine Nebelkammer verwandelt, was mit gezielt eingesetzten weißen Scheinwerfern eindrucksvolle Grau-in-grau-Effekte ermöglicht.

 

Aber erst ist das Wort, und das kommt von Daniel Tille, der auch für die Texte verantwortlich zeichnet. Über metallischen Klängen, skizziert der Schauspieler im langen schwarzen Ledermantel einen poetischen »roten Mond«, der wie der Beginn einer Werwolf-Geschichte anmutet.

 

»Ich habe heute mein Spiegelbild verloren«, rezitiert Tille verzweifelt, und es dauert einen Moment, bis die gruseligen Monster, die dazu in unserer Fantasie auftauchen, sich als Teil unseres eigenen Unterbewusstseins outen. Die »nackte Einsamkeit in dieser viel zu großen, kalten Welt«, der Angstschweiß und die Fähigkeit des Menschen angesichts des Entsetzens und der Angst, selbst zu einem blutrünstigen Wesen zu werden, führen auf die richtige Fährte. Ein seltsamer Kampftanz wechselt in synchrone Tanzpartien, die beinahe etwas Versöhnliches haben. Später wird ein Paar tanzen, eine kleine Anspielung auf den Geschlechterkampf? Oder vielleicht der Überlebenskampf in einer Beziehung?

 

»Was ist daran schlimmer, Kinder aktiv zu töten, als sie einfach verhungern zu lassen?«, fragt die Bühnenfigur und macht ein großes Fragezeichen hinter unsere Moralbegriffe. Später versucht das Ensemble das schwarze Laub zusammenzukehren.

 

Mitten im großen Laubhaufen tanzt eine Tänzerin ein eigentümliches Solo, zur sequentiellen Klaviermusik von Stefan Menzel alias Sandrow M. Der beherrscht vor allem auch alle Register der elektronischen Musik und liefert einen Soundtrack, der dem Tanzensemble auf den Leib geschrieben ist. Ein Stroboskop verstärkt das rhythmische Pulsieren, dann verwandeln Windmaschinen das schwarze Herbstlaub in eine Wolke. Ein starkes Bild.

 

»Wir sind nur Staubpartikel in einer riesigen Wolke aus Schmutz«; sagt Daniel Tille. Und ein düsterer aber eindrucksvoller Tanztheaterabend endet nach einer Stunde mit langem Premierenapplaus.

 

Unterm Strich

»Urban Wolves« zeigt moderne, bisweilen artistisches Tanztheater in sehr düsteren Bildern, denen man sich kaum zu entziehen vermag. Nach einer Stunde sehnt sich das Publikum nach einem kleinen Lichtblick. Das ist beklemmend, aber gut.

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