Ein liebenswerter Sonderling

von Armin Knauer

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 08.07.2017

 

Sommertheater - Die Tonne entrollt im Spitalhof das Leben des Malers Vincent van Gogh als poppiges Musik-Epos

 

REUTLINGEN. Da ist der Tonne mal ein Sommertheater gelungen, wie es sein soll. Eines, das Leichtigkeit und Tiefe verbindet, Tragik und Verspieltheit und das obendrein noch beschwingte Musik und die Atmosphäre des südlichen Frankreich in den Spitalhof bringt. Sodass man am Ende verzaubert heimgeht.

 

Was alles kein Wunder wäre, hieße das Thema nicht Vincent van Gogh. Da fragt man sich doch: Wie lässt sich ausgerechnet aus dem Leben eines nervenkranken Malers ein beschwingtes Sommertheater machen? Ein Leben, das bitterste Krisen samt Selbstverstümmelung und finalen Suizid nicht auslässt?

 

Eigentlich kaum denkbar. Es sei denn, man fragt Heiner Kondschak. Der hat auch schon den früh verstorbenen »27er-Club« um Kurt Cobain ganz undepressiv verarztet. Unangepassten Sonderlingen vom Schlag eines Vincent van Gogh gilt seit jeher seine Sympathie. Er nimmt den eigenwilligen Niederländer deshalb nicht als Opfer wahr, das man bemitleiden muss, sondern als einen, der mit seinem unbeirrten Stehen zu seiner inneren Wahrheit letztlich enorm stark ist.

 

Und so wird der Maler in Kondschaks Stück »Vincent - Gegen den Strich« bei aller Zerbrechlichkeit und Getriebenheit eine ziemlich kraftvolle Figur. Vor allem so gespielt, wie Robert Atzlinger das tut. Bei ihm hat man das Gefühl, er surfe wie ein Wellenreiter auf dem Wildwasser seiner Emotionen. Je wilder die Wogen, desto wahrhaftiger die Kunst. Dass die Wellen dann und wann über ihm zusammenschlagen, lässt sich nicht aufhalten, das ist dann eben so.

 

Malerleben zum Mandolinenbeat

Weder Kondschak noch Atzlinger machen aus der Getriebenheit des Vincent van Gogh ein Melodram. Vielmehr entfaltet sich dieses rastlose Leben wie eine Jahrmarktmoritat mit eingeschobenen Spielszenen. Wobei die Band im stallartigen Verschlag im Hintergrund den Sound ein gutes Stück in Richtung Pop und Singer-Songwriter-Sphäre zieht - konkret sind das Kondschak an Mandoline und Flöte, Michael Nessmann an der Gitarre und Christian Dähn an Schlagzeug oder elektronischer Marimba. Nur dass hier eben nicht Woody Guthrie oder Bob Seger singen, sondern die vier Darsteller selbst. Als Singer-Songwriter-Moritatenchor, ums mal so zu sagen, erzählen sie Vincents Geschichte, ein bisschen im Brecht-Weill'schen Dreigroschenopern-Stil. Sängerisch echt gekonnt und mit viel Biss übrigens. Und selbstverständlich viel undogmatischer, anarchischer und lässiger als Brecht-Weill. Wir sind hier schließlich bei Kondschak.

 

Der Autor und Regisseur gibt später, als Vincent im Süden Frankreichs landet, an der Low Whistle noch so eine Art mediterran meditierenden Flöten-Faun ab. Wobei da, so viel Doppelbödigkeit muss sein, in Kondschaks Ethno-Flötenlinien auch ein ganzes Stück New-Age-Feeling der Hippie-Ära mitschwingt. In seiner Euphorie fühlt sich Vincent ja auch selbst ganz als Blumenkind, jedenfalls bis zum nächsten Absturz.

 

So ist das Ganze ständig Spiel und Ernst zugleich. Mit Kissen-Sturzgeburten und kindlich anarchischen Reimen. Mit einem Vincent, der irgendwann in seiner Getriebenheit zu kreiseln beginnt wie die Windmühlenflügel des Don Quijote. Mit Kondschaks Mandoline, die im Verein mit Gitarre und Marimba poppig-wohlgemut die Melodielinien tanzen lässt, auf denen des Künstlers Schicksal schaukelt. Und immerzu ziehen sich alle um und sind im nächsten Moment jemand ganz anderes.

 

Ein Spiel eben, turbulent, leichtfüßig, tragisch, berührend. Die Bühne, gestaltet von Ilona Lenk, Christoph Henning und Kondschak, ist denn auch hauptsächlich Spielfläche, von dem »Musikerstall« und einer angedeuteten Stube im Hintergrund abgesehen. Da dient ein hochkant gestellter Tisch als Malerleinwand oder als Krankenlager. Da reichen Tisch und ein paar Stühle, um Kneipe oder Bordell anzudeuten. Die Kostüme von Sibylle Schulze zeichnen, auch das recht verspielt, den Bogen vom gedeckten Schwarz des protestantisch strengen Elternhauses zur blumigen Buntheit Südfrankreichs nach.

 

Slapstick und wilde Zeitsprünge

Ein bisschen Slapstick darf auch nicht fehlen - wir sagen hier nur: Briefträgerin! Die rabiaten Zeitsprünge sowie das In-die-Rollen- und Aus-den-Rollen-Springen tun ein Übriges, um klarzumachen: Hier wird ein kantiges Leben lustvoll gespielt und nicht als Requiem beweint. Mit Liebe, aber auch etwas ironischer Distanz. Die hatte dieser Vincent van Gogh ja auch sich selbst gegenüber, wie seine Briefe an den Bruder Theo zeigen. Kondschak hat davon erfreulich viel in das Stück gerettet.

 

Bei allem Witz nimmt Kondschak die Figuren ernst. Er blickt mit echtem Interesse und Sympathie auf sie - und er hat Darsteller, die wie für diese Charaktere gemacht sind. Allen voran David Liske, der den dandyhaften Doktor Gachet genauso bestechend zeichnet wie den von Vincents Schrullen genervten Malerfreund Paul Gauguin. Oder den treu sich kümmernden Bruder Theo. Oder den Doktor Peyron, der als Erster wirklich das Genie des Künstlers erkennt.

 

Nina-Mercedés Rühl ist frisch und herzerwärmend Vincents Schwester, und Theos Frau. Sie ist aber auch die herbe Prostituierte Sien, die Vincents Extreme länger aushält als jede andere Frau. Silvia Pfändner ist nicht weniger genau auf den Punkt die lebenserfahrene Schenkenwirtin, Vincents überforderte Mutter, neugierige Postbotin und mehr.

 

So fügt sich das Porträt eines Menschen, der seiner inneren Wahrhaftigkeit auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Der nicht anders kann, als dieser Wahrheit zu folgen, auch wenn er andere damit vor den Kopf stößt und sich selber das Grab schaufelt. Wie er sich daran abarbeitet und in der Kunst doch noch ein Ventil dafür findet, ist oft tragisch, nicht selten komisch und immer bewegend. Großes Sommertheater eben.

 

 

Eine ruhige, reine Musik

von Kathrin Kipp

REUTLINGER NACHRICHTEN, 08.07.2017

 

Heiner Kondschaks biografisches Singspiel »Vincent – Gegen den Strich« behandelt das Leben des holländischen Ausnahmemalers van Gogh, verkörpert von Robert Atzlinger.

 

»Bin ich auch oft in Aufruhr, so ist in meinem Innern dennoch eine ruhige, reine Harmonie und Musik«, schreibt Vincent van Gogh 1882 an seinen Bruder Theo. Und auch in Heiner Kondschaks Singspiel trifft der grandiose, aufgewühlte und zunehmend verzweifelte Künstler auf reine Harmonie und fröhliche Musik im Hintergrund. Und auf proklamativen Erzählgesang.

 

So entfaltet sich im lauschigen Reutlinger Spitalhof eine konsequente Widersprüchlichkeit zwischen Harmonie und Zerrissenheit, zwischen künstlerischer Vervollkommnung und psychisch-physischer Selbstzerstörung, wie sie den holländischen Maler offenbar immer wieder heimgesucht hat. Das Gute, Schöne, Wahre hängt an den Gerüsten der Musikschule in Form farbenprächtiger und leuchtender Bilder des expressiv postimpressionistischen Künstlers, sanft umspült von den heiter-wohligen Harmonie-Sounds von Mandoline, Mallet und Gitarre (Heiner Kondschak, Christian Dähn und Michael Nessmann).

 

Das reinste Idyll: Kunst könnte so schön sein, wären es nicht die zerbrechlichsten Menschen, die sich für sie aufopfern. Klingt reichlich pathetisch, und auch das Stück flößt uns das Gefühl ein, dass van Gogh sich wohl nie verstanden fühlte: »Mancher hat ein großes Feuer in seiner Seele, und nie kommt jemand, sich daran zu wärmen“. Dieses innere Feuer müsse er immer weiter schüren, „obwohl ich nicht weiß, zu welchem Ende es mich führen wird, und ich mich über ein düsteres nicht wundern würde«.

 

So rutscht Vincent van Gogh tatsächlich immer tiefer in Wahnsinn, Depression, Einsamkeit und Verwahrlosung. Und fühlt sich nicht einmal von Gauguin verstanden, der sich lieber mit Wein und Weib amüsiert, als mit van Gogh eine Künstlergemeinschaft aufzubauen.

 

Damit seine theatralische Künstler-Biografie allerdings nicht allzu kitschig-tragisch daherkommt, hat sich Heiner Kondschak für ein durchaus sommertheaterkompatibles Singspiel entschieden, das das Leben des Malers aus relativ distanzierter Perspektive erzählt, indem sich alle Figuren immer wieder zu einer Art (griechischen) Erzählchor formieren: Robert Atzlinger, David Liske, Silvia Pfändner und Nina-Mercedés Rühl singen die mehrstimmigen Parts auf grandios angeschärfte Weise, begleitet von den drei Musikern, die sich zwar immer mal wieder zu melancholischen Klängen hinreißen lassen, aber insgesamt weniger tragische Atmosphäre produzieren, sondern lieber als musikalisches Fundament für den recht sachlichen Erzählerchor fungieren.

Auch die Schauspieler bleiben ihren Figuren gegenüber relativ distanziert, denn immer wieder steigen sie aus ihren vielen Rollen aus, um zu singen oder in die nächste Rolle zu schlüpfen, während Sibylle Schulze relativ zeitgemäße Kostüme entworfen hat. Und so spielt die Inszenierung immer wieder mit Authentizität und Distanz zum Geschehen, lässt nie die ganze Dramatik des Künstlerschicksals übers Publikum hereinbrechen.

 

Robert Atzlinger allerdings, der durchgängig bei van Gogh bleibt, lässt ziemlich tief in dessen fragile Seele blicken: anfangs noch als unglücklicher Schüler, der von seiner strengen, frommen und ziemlich spaßfreien Theologen-Familie aufs Internat geschickt wird und überall abgelehnt wird. Immer auf der Suche nach seiner wahren Identität scheint er als fescher Kunsthändler zum ersten Mal so etwas wie Erfolg zu haben, eckt allerdings überall an. Auch, als er sich entschließt, als Hardcore-Evangelist in belgischen Armenvierteln ein echtes Christenleben zu führen. Aber erst in der Kunst findet er seinen wahren Gott, der ihn allerdings zunehmend gequälter werden lässt. Unglückliche Liebschaften geben ihm den Rest, die autoaggressiven Wahnsinns-Attacken häufen sich.

 

Nur zu seinem von David Liske psychisch wesentlich stabiler gespielten Bruder Theo (David Liske), der ihn lebenslang finanziell unterstützt, pflegt er eine einigermaßen produktive Beziehung. Mit intensivem Briefwechsel, den Silvia Pfändner wiederum als aufdringliche Briefträgerin übermittelt und kommentiert, während sie sonst in die eher streng-fürsorglichen Rollen als Mutter oder (Pensions-)Wirtin schlüpft.

 

David Liske spielt im Stück als Über-Vater, Onkel oder wohlgesonnener Psychiater viele menschliche Nuancen aus, mit denen Vincent konfrontiert wird. Nina Mercedés Rühl verkörpert meistens die Frauen, die van Gogh so wahnhaft liebt. So wie er alles, was er treibt, mit einer ungeheuren Besessenheit und Selbstverzehrung angeht.

 

Das Stück erzählt die eher unbekannten Geschichten, aber streift natürlich auch die zentralen Skandale, wenn Vincent mal wieder Farben isst, sich das Ohr abschneidet oder am Ende so unglücklich erschießt, dass sein ganzes Leben noch einmal an ihm vorüberzieht.

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