Warmherzige Hommage

von Christoph B. Ströhle

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 28.2.2026

 

Bühne – Das Reutlinger Theater Die Tonne erinnert in »Warten auf Kondschak« an einen schmerzlich Vermissten

 

REUTLINGEN. Das also war es! Wir hatten schon überlegt, was denn bei der Premiere der Produktion »Warten auf Kondschak« am Donnerstagabend im Reutlinger Theater Die Tonne für Wohnzimmer-Flair sorgte. Es waren die Teppiche. »Das ist typisch Heiner«, klärte uns Sibylle Schulze auf, die sie zum Teil ihres Bühnenbilds gemacht hatte und aussprach, was viele nach der Uraufführung dachten: Heiner Kondschak sei ja an diesem Abend doch da gewesen »mit seinen Gedanken, Liedern, Sprüchen, seinem Humor«. Die Teppiche gehörten für Schulze ganz selbstverständlich mit zu diesem Kosmos.

 

Nun ist Heiner Kondschak, der vielfach vermisste Autor von Kinder- und Jugendtheaterstücken, bekannt auch für seine Comedy-Formate wie »Der Schöne und das Biest« (mit Helge Thun), seine selbst komponierte Musik sowie seine Gundermann-Cover mit der Randgruppencombo, seit August 2024 tot. Mit »Multitalent mit Herz« war der Nachruf im GEA damals betitelt.

 

Techniker mit Sprechrolle

 

Dieses Multitalent zu würdigen, den Menschen, Autor und Musiker, dazu treten im jetzt uraufgeführten Stück »Warten auf Kondschak« die Schauspielerinnen und Schauspieler Magdalena Flade, Constantin Gerhards, Thomas B. Hoffmann, David Liske, Michael Schneider und Chrysi Taoussanis an. Dabei sind außerdem Joachim Gröschel (Schlagzeug) und Lukas Armbruster, der als »ein Techniker« eine zusätzliche Sprechrolle übernimmt.

 

Den Text des musikalischen Abends mit Musik und Gedichten von Heiner Kondschak und anderen hat David Liske verfasst und dabei von großer Warmherzigkeit bis zum Flachwitz (damit es nicht zu pathetisch wird) vieles untergebracht.

 

Dass ein solcher Theaterabend Heiner Kondschaks Wesen und Wirken nur anreißen kann und voller Lücken bleibt, versteht sich von selbst. Umso stimmiger ist es, dass die Lücke selbst hier zum Thema wird. Die Lücke, die Heiner Kondschak hinterlässt, der, wie es im Stück heißt, bekannt ist »für vier Dinge: seinen Humor, seine Musikalität, seine Aversion gegen Kämme und für seine klare, zutiefst humanistische Grundhaltung«.

 

Autor Liske, Regisseur Enrico Urbanek und Dramaturg Michel op den Platz sorgen dafür, dass diese humanistische Grundhaltung zum Tragen kommt. Etwa in Songs von Pete Seeger, Bob Dylan und Rio Reiser, die Kondschak sehr schätzte.

 

Die allesamt mit Instrumenten ausgestatteten Ensemblemitglieder performen diese Lieder eindrücklich. Genauso den Song »Streets of Minneapolis«, den Bruce Springsteen zu zwei aktuellen Fällen von Tötungen durch Bundespolizisten an Renée Good und Alex Pretti in Minnesota geschrieben hat. Dieses Lied konnte Kondschak gar nicht mehr kennen. Dass es in diesem Rahmen erklingt, wäre aber sicher in seinem Sinne.

 

Für Gänsehaut sorgt der Song »Zombie« der Band The Cranberries über den Nordirland-Konflikt. Und das einst von der österreichischen Folk-Politrock-Band Schmetterlinge gesungene »Compañero Víctor Jara«. In dem Lied über den 1973 von Soldaten des putschenden Militärs in Chile ermordeten Sänger, Musiker und Theaterregisseur heißt es: »Deine Lieder sind unsere Lieder geworden, und unsere Lieder lässt sich der Wind nie mehr aus dem Munde nehmen.«

 

Jeder bringt Ideen ein

 

Der Abend stellt sich als leicht chaotische Probe für einen unmittelbar bevorstehenden Auftritt aller mit Heiner Kondschak dar. Weil der aber nicht erscheint, bringt jeder in der Band Ideen ein, mit denen der Musiker sicher einverstanden wäre. Lieblingsstücke werden angespielt, Abläufe skizziert. Mit dem Moment unmittelbar vor dem Auftritt endet der Abend.

 

Davor aber nimmt sich das Ensemble gut zwei Stunden Zeit, Facetten Heiner Kondschaks lebendig werden zu lassen. Mit melancholisch-kraftvollen Liedern von Gerhard Gundermann. Mit einem Kindertheater- und einem von Kondschak arrangierten Pop-Medley von »Yes Sir, I Can Boogie« über »Ein bisschen Frieden« bis »Biene Maja«.

 

Putzig sind die dargebotenen Tierreime, mit denen Kondschak einem Heinz Erhardt das Wasser reichen konnte. Knuffig ein Lied aus dem Musical »Dogs«, das Kondschak als Antwort auf Andrew Lloyd Webbers Welterfolg »Cats« schrieb. Und wenn das Ensemble schließlich vom Hunger singt, der aus dem Herzen kommt, dann löst es zutiefst beeindruckend den zuvor formulierten Anspruch ein, »Heiners Wärme auch dann noch über die Bühne ins Publikum zu senden, wenn er das selbst nicht tun kann«. Standing Ovations bei der Premiere. (GEA)

 

 

Lieder für die Hungerherzen

von Peter Ertle

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 2.3.2026

 

Theater Reutlingen – »Warten auf Kondschak« erinnert mit vielen Liedern und ein paar Anekdoten an den Musiker, Theatermacher, Kollegen und Freund.

 

Er sei für vier Dinge bekannt gewesen, heißt es in der Premierenhommage auf den dort porträtierten Künstler: für seine Musikalität, seinen Humor, seine Aversion gegen Kämme und seine klare, zutiefst humanistische Grundhaltung. Damit ist Heiner Kondschak gut beschrieben. Persönlich würde man dem noch etwas hinzufügen, hat er einem in einem längeren Interview kurz vor seinem Tod in einer Mixtur aus schonungsloser Offenheit und Erfindung beziehungsweise Weglassung auch manches erzählt, was in den Bereich der Autofiktion gehört. Er war eben ein sehr kreativer Mensch. Genau, die Kreativität wurde bei der Auflistung vergessen. Und die Großzügigkeit. Und die Freiheitsliebe. Ach!

 

Er fehlt. Auch Stückautor David Liske lässt ihn fehlen, bei einer Bandprobe vor dem Auftritt. Heiner steht im Stau. Die  anderen beginnen schon mal mit der Probe. Die wird zum eigentlichen Stück und zur musikalischen Erinnerung an Kondschak. Eine charmante Idee.

 

Keine Tomaten

 

Musikalisch beginnt es mit dem Tierkosmos aus der Zeit des Kinder- und Jugendtheaters, als der Stücke- und Songschreiber selbst Vater kleiner Kinder war, von »Dogs« über »Die fürchterlichen Fünf« oder »Das Schätzchen der Piratin«. Es folgt eine eher politische Abteilung, Rio Reiser, Viktor Jara, Gundermann. Anekdoten über Reisers Auftritt in der DDR werden eingestreut oder über den ersten Auftritt der Randgruppencombo im Osten, wo die Zuschauer Tomaten mitgebracht hatten, die sie auf diese Wessi-Band werfen wollten. Was für eine Anmaßung war es doch von denen, ihnen die Lieder ihres Ost-Helden vorspielen zu wollen. Doch dann blieben die Tomaten in den Taschen, stattdessen gab es Ovationen.

 

Übrigens soll ein Veranstalter, bei dem die Randgruppencombo mit ihrem Programm auftreten wollte, gefragt haben, ob das was mit Drogen zu tun habe. Er hatte den Titel »Immer wieder wächst das Gras« gelesen und dann das Foto des Bandleaders gesehen. Ja, manches ist komisch, und ab und zu ist Kondschak auch in Form seiner Ansagen präsent. Wenn er damit droht, gleich den Ordner, Herrn Leitz, zu holen. Wenn er fragt: »Ich trink Ouzo, was trinkst du so?« Klar, wenn Kondschak selbst das machte, war es lustiger.

 

Etwas Traurigkeit

 

Kann sein, dass manche Zuschauer ein Theater-Biopic über Kondschak erwartet hatten. Vielleicht gibt’s das auch mal, in zehn oder zwanzig Jahren, von wem auch immer. Hier kannten ihn vom Regisseur Enrico Urbanek über den Autor David Liske bis zu den Musikern und Schauspielern alle, manche waren gut mit ihm befreundet. Da ist zu viel Nähe da, zu viel gesunder Respekt vor der Anmaßung einer Lebensdarstellung. Nein, Heiner Kondschak ist hier einfach der Freund und Kollege, der vermisst wird. Deshalb die gute Entscheidung, ihn durch seine Lieder da sein zu lassen. Deshalb auch gibt es einmal diesen Moment, in dem wirklich Traurigkeit aufkommt. Davon abgesehen tut diese Inszenierung in Sachen Pathos vermeidender Werkstatt- und Rumgefrozzelatmosphäre vielleicht das ein oder andere zu viel, zu viel an demonstrativer Coolness.

 

Gags: Thomas B. Hoffmann flippt nach einem seichten Schlagermedley sehenswert aus. Running Gags: Wiederholt wird zur Eile gemahnt, »weil sonst mein TShirt aus der Mode kommt«. Dann klopft es an der Tür. Kondschak? Nee, es ist der Pizzabote. Techniker Lukas Armbruster am Mischpult, von den Bandmitgliedern einen Abend lang mit Wünschen, Anweisungen und Bitten gefüttert, dadurch aber nicht satt geworden, eilt die Treppe herunter und holt sich die Schachtel. Könnte eins zu eins von Heiner Kondschak stammen.

 

Ice out!

 

Darf man das alles verraten? Ach ja, es ist ja nur ein bisschen Dressing für die Lieder, die sind die Hauptsache. Ein Höhepunkt ist »Zombie«, im Original ein Hit der Band Cranberry, es geht um den Nordirland-Konflikt. Schön auch, dass sie Bruce Springsteens »Streets of Minneapolis« spielen, das hätte er auf jeden Fall toll gefunden, Chorus: »Ice Out!« Andere  Höhepunkte sind ein paar Minuten Country mit Pete Seeger, Dylans »The Times They Are A-Changing«, oder Lindenbergs »Sonderzug nach Pankow«. Hat er gern als Zugabe gespielt.

 

Auf dem Boden immer die Wohlfühlteppiche, die Kondschak wichtig waren, Ausstatterin Sibylle Schulze hat sie ihm dort hingelegt. Im kreisrunden Guckloch hinten wechselnde Motive, einmal sitzt dort der fehlende Ehrengast und schaut in die Abendsonne, neben ihm die Katze, die in einem seiner Lieder vorkommt. Genau, Lieder, Lieder, Lieder, letztlich fehlen nur die Wunderkerzen, wie heißt es doch in diesem Gundermann-Song: »Weil das arme Herz so’n Hunger hat. / Es wird ja nicht alleine nur vom Kummer satt. / Also füttern wir die Hungerherzen / mit Liedern und dem Licht von Wunderkerzen.«

 

Danke an: Magdalena Flade, Constantin Gerhards, Thomas B. Hoffmann, David Liske, Michael Schneider, Chrysi Taoussanis, Joachim Gröschel.

 

 

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