Mobbing unter Bäumen
von Armin Kanuer
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 5.5.2025
Jugendtheater – Die Reutlinger Tonne zeigt das Jugendstück »Wolf« nach einem Buch von Saša Stanišić
REUTLINGEN. Der Ort, wo jugendliche Gruppendynamik sich zuspitzt, ist das Ferienlager. Weshalb der Vielfach-Buchpreisträger Saša Stanišić seinen Jugendroman »Wolf« genau dort spielen lässt. Den hat nun die Reutlinger Tonne als Jugendstück auf die Bühne gebracht, in einer Fassung von Tonne-Dramaturgin Alice Feucht, die auch Regie führt.
Um die Sache noch zu verschärfen, verlegt Stanišić das Ferienlager in den Wald. Zur Eskalation der Gruppendynamik kommt die Konfrontation mit der Natur. Problem nur: Wie bringt man die Natur auf die Bühne? Die Lösung ist der Geniestreich der Produktion: Die ganze Rückwand ist durch einen Gazevorhang belegt, auf den per Video ein mitteleuropäischer Urwald projiziert wird (Videobühnenbild: Adrian Zacke). Die Projektion ist so riesig, dass man sich als Zuschauer wirklich im Wald fühlt. Und die Darsteller stehen teilweise mittendrin – dann nämlich,wenn sie hinter der Gazewand agieren und dabei förmlich mit dem Videowald verschmelzen.
Unfreiwillig auf Ferienfahrt
Es geht um den Teenager Kemi, der eher unfreiwillig mit aufs Waldferienlager fährt. Zum Witz der Sache gehört, dass Kemi ein altkluger Miesepeter ist, der sich am liebsten in Bücher vergräbt und Sozial- wie Frischluftkontakt so weit es geht meidet. Im Ferienlager kann er sich der Natur nicht entziehen, weder ihrer Faszination noch ihrer Unheimlichkeit. Nicht entziehen kann er sich auch der Beobachtung, dass sein Zimmergenosse Jörg, ein streberhafter Sonderling, von der Rabauken-Clique des Lagers gepiesackt wird. Die Frage wird immer drängender: Raushalten oder nicht?
Alice Feucht legt das rund 70-minütige Stück in ihrer Bühnenfassung als klassisches Erzähltheater an. Magnus Pflüger gibt als Kemi den Ich-Erzähler; von seinem Bericht aus geht es in die Jugendlager- Szenen. Der Erzählteil ist dabei gegenüber den szenischen Teilen recht dominant geraten. Wodurch andererseits der humorvoll-verschrobene Erzählton der Vorlage gut zur Geltung kommt. Zudem lockert die Regisseurin die Erzählpassagen auf, indem sie dem Berichten-Mobbing unter Bäumen den immer wieder andere Figuren in die Parade fahren lässt.
Abgesehen von dem dominanten Video-Bühnenbild gibt es noch einen Schrank, der als Ferienlager-Schlafkoje dient. Und eine Eckbank samt Küchentisch als Kemis Zuhause wie als Ess- und Kochbereich des Ferienlagers. Hier sieht man Magnus Pflüger und Chrysi Taoussanis bereits beim Reinlaufen Gurken schnippeln und Salatblätter rupfen, in blauen Trainingshosen und bunt geblümten Hemden als Ferienlager-Einheitskluft (Kostüme: Kathrin Röhm).
Bevor es richtig losgeht, erklären sie dem Publikum außerhalb ihrer Rollen, was auf es zukommt. Und diskutieren, ob Pflüger mit vierzig (»Fast vierzig! Noch bin ich neununddreißig!«) einen Teenager spielen kann. Das macht die Sache transparent und kann sogar als Brecht’scher Verfremdungseffekt durchgehen.
Die Handlung selbst entwickelt mit den drei Darstellern einen ganz eigenen Sog. Pflüger gibt stilecht den mürrischen Kemi, der nur seine Ruhe will, aber unweigerlich in die soziale Dynamik der Gruppe wie in den Bann der Natur hineingezogen wird. Chrysi Taoussanis gibt anrührend das sensible Mobbingopfer Jörg, macht aber vor allem aus dem genervt-überforderten Jugendleiter Piet eine herrliche Charakterskizze. Dazu kommt Bahattin Güngör, der als geheimnisumwobener Koch einen Zug des Fantastischen in die Sache bringt.
Zug ins Fantastische
Dieser Zug ins Fantastische ist, von der Mobbing-Thematik abgesehen, der zweite Rote Faden in Stanišić’ Vorlage. Die wilde Umgebung bringt Kemis Fantasie zum Blühen und seine Ängste zum Vorschein. Er stellt sich Gameboy spielende Hirsche vor, sieht sich in seinen Träumen von einem gelbäugigen Wolf verfolgt. Die Natur ist bedroht und bedrohlich zugleich bei Stanišić. In der Bühnenfassung macht sich dieser Zug ins Fantastische in riesenhaften Zeichentrick-Projektionen Luft – sehr gelungen!
So gelingt der Tonne ein spannend erzähltes Kammerspiel, in dem sich das Unheimliche in das Alltägliche schiebt, und in dem die zwischenmenschlichen Spannungen so wild wuchern wie das Grün rundherum. (GEA)
Wütendes Schweigen im Ferienlager
von Moritz Siebert
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 14.5.2025
Theater – Es geht um Mobbing, vor allem aber darum, wie Beobachter damit umgehen: Die Reutlinger Tonne zeigt eine sehenswerte Bühnenadaption von Saša Stanišićs Kinder- und Jugendroman »Wolf«.
Überhaupt keinen Bock hat Kemi auf Ferienlager, denn im Ferienlager gibt es Menschen und Natur, Mücken und Zecken. Und Tiere, von denen er noch gar nichts ahnt. Selbst beschreibt er sich als Miesepeter, aber ein bisschen sympathisch. Das passt ziemlich gut. Aber freut er sich denn auf irgendetwas? »Ich freue mich auf gar nichts, ich lehne die Natur ab.« Bäume? Nur als Schrank super.
Für seinen Kinder- und Jugendroman »Wolf« hat der Autor Saša Stanišić 2024 den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen. Die Geschichte handelt von Mobbing – und von der fehlenden Courage vermeintlich Unbeteiligter, einzugreifen. Eine Bühnenadaption zeigt das Reutlinger Theater Tonne in der Fassung von Tonne-Dramaturgin Alice Feucht, die auch Regie führt: eine auch dank eines klugen Bühnenbilds sehenswerte Inszenierung.
Ein Trio um Anführer Marco hänselt Mobbing-Opfer Jörg, sie schubsen ihn, ruinieren ihm den geliebten Rucksack, und was sonst so passiert, kann der Zuschauer nur erahnen. Der Fall wirkt ziemlich typisch: Jörg ist der Schwächste und derjenige mit der größten Angriffsfläche. Hauptfigur Kemi beschreibt ihn als eigen und anders, so wie alle, »aber Jörg wird von den anderen nochmal andersiger gemacht«.
Die schönere Geschichte
Die eigentlichen Täter tauchen in der Inszenierung als sichtbare Figuren gar nicht auf. Die Frage nach der Mitschuld an Jörgs Leid durch Wegschauen (die Betreuer) und Dulden (Kemi) ist in den Mittelpunkt gerückt. Magnus Pflüger, der Kemi spielt, macht dessen inneren Konflikt nachfühlbar. Am liebsten würde Kemi sich aus allem raushalten. Weil er aber Teil des komplexen sozialen Gefüges dieser Gruppe ist, geht das nicht. Er ist derjenige, der erkennt, dass etwas falsch läuft, dass eigentlich jemand eingreifen müsste, dass die Betreuer aber nicht diejenigen sein werden, die das tun. Kemi erkennt auch, dass der gemobbte Jörg, mit dem er das Hochbett teilen muss, eigentlich ein interessanter Junge ist. Er ist begeistert von Jörgs Zeichentalent – und dessen Fähigkeit, mit der eigenen Situation umzugehen. Kemi weiß, ließe er sich darauf ein, könnte er mit ihm eine gute Zeit haben.
Zwei Außenseiter finden zueinander: Diese Geschichte, die natürlich die schönere wäre, erzählt Stanišić aber nicht. Für Kemi steht der Selbstschutz im Vordergrund. Denn: Gäbe es Jörg nicht, wäre er das Opfer. Um in der Gruppe den Rang über Jörg zu behalten, darf er sich nicht verbünden: »Ich schweige, ich schweige wütend.«
Nachts kommt der Wolf
In Mehrfachrollen spielen Chrysi Taoussanis und Bahattin Güngör. Taoussanis ist alleinerziehende Mutter, die keine Zeit für den Sohn hat, was der, der sowieso ziemlich reflektiert und erwachsen wirkt, auch verstehen kann. Taoussanis ist ein etwas trotteliger Betreuer, der den Mobbing-Fall nicht wirklich ernst nimmt, sie ist ruppige Waldexpertin, die die Kinder als verwöhnte Stadtblagen beschimpft. Güngör gelingt es, aus dem wortkargen Koch eine merkwürdig mysteriöse Figur zu machen, mit einer Kraft, die ausgleichend und anziehend wirkt.
Die Figuren tragen, uniform, bunte Hemden und Adidas-Hosen (Kathrin Röhm). Die Bühne ist sparsam ausgestattet mit einem Schrank, der Schlafkoje und Rückzugsort ist, und einer Eckbank mit Tisch. Ein Kunstgriff ist die Videoprojektion (Adrian Zacke): Der Wald wird auf transparenten Stoff projiziert, der den kompletten Hintergrund der Bühne ausfüllt. Die Figuren können hinter den Stoff treten, durch geschickte Beleuchtung wirkt es, als stünden sie mitten im Wald.
Nachts kommt der Wolf – die Interpretation, dass es sich beim Wolf um die eigene Angst handelt, liegt nahe –, und nur Kemi kann ihn sehen, hören, ja, sogar fühlen. Nur Kemi? Nein, auch Zimmergenosse Jörg sieht den Wolf. Er kennt sich aus mit dem Wolf und hat auch ein paar Tipps, wie man mit ihm umgehen kann.