GALAKTISCHES THEATER

von Kathrin Kipp

REUTLINGER NACHRICHTEN, 19.05.2014

 

 

Mit einer spacigen Raum-Zeit-Performance blicken die Schauspieler der Tonne-Baff-Theatergruppe durch ihr persönliches »Zeitfenster«. In ihrer neuen Produktion erklären sie den Außerirdischen die Menschheit.

 

Vor 40 Jahren hat man eine Raumsonde mit zentralen Menschheit-Infos an Bord ins Weltall geschossen. Jetzt ist Zeit für eine aktualisierte Version der »Golden Record«, um bei den Weltallbewohnern »falsche Eindrücke zu vermeiden«. Für den Fall, dass die Außerirdischen uns mal besuchen kommen wollen, übernimmt Seyyah Inal im neuen Tonne-Stück »Zeitfenster« die intergalaktische Navi.

 

Bahattin Güngör liefert dazu die Bilder: Mit einem schwerelosen Globus im Outfit einer Discokugel treibt er sein neckisches Spiel – vielleicht ein Verweis darauf, wie sich der Mensch gerne mal als Gott aufführt, der die Erde munter durch die Gegend schubst und am Ende in die Luft gehen lässt.

 

Der glitzernde Planet nimmt’s vergleichsweise gelassen. Noch. Denn man weiß nicht, wie lange es ihn und uns noch gibt. Deshalb ist es gut, wenn wir uns für die Nachwelt im Universum gut dokumentieren. Und so erklären die Schauspieler der Tonne-Baff-Theatergruppe den Außerirdischen ihre Sicht auf die Welt, aus ihrer ganz speziellen Perspektive und aus ihrem aktuellen »Zeitfenster« heraus.

 

Es ist ihr ganz persönliches Stück Welt, ihr Text, ihre Sichtweise (Regie: Enrico Urbanek). Es geht um ihren Raum, und es geht um ihre Zeit: Bei der Ouvertüre stehen alle Akteure auf der Bühne, so wie sie sind. Mit Zeitmessern in den Händen und Grau in Grau wie die Grauen Herren aus Michael Endes »Momo«, die versuchen, den Menschen die Zeit zu klauen.

 

Diese grauen Herren und Damen sind allerdings alles andere als fiese und uniformierte Zeitsoldaten, sondern stellen eine ganz besonders vielfältige und vielsprachige Menschheit dar. Dabei lassen sie sich Zeit, zeigen uns die Zeit und stellen sich dem Zeitlichen. Nichts passiert, nur ab und an klingelt einer der vielen Wecker und erinnert uns daran, dass die Zeit vergeht: ein permanentes Drama.

 

Das mittlerweile achte Stück der Tonne-Baff-Truppe ist diesmal mehr Choreographie (Maura Morales) als Text und mehr Bild als Sprache. Ausstatterin Ilona Lenk hat dazu eine spacy beleuchtete Setzkasten-Bühne gestaltet, mit noch mehr Weckern, die immer wieder mal losgehen und nervige Klingeltöne von sich geben. Das Leben ist eben streng getaktet: Kaum ist einer der Sprecher im Redeflow, wird er auch schon wieder vom Big-Ben-Glockenspiel unterbrochen. Nächstes Thema, nächstes Bild, Klingel Klingel, weiter, weiter, Stress, Stress.

 

Aber die Menschen mit Handicap lassen sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen und zwingen ihrer Mitwelt ihren eigenen Rhythmus auf. Hinter der Bühne begleiten Michael Schneider, Cornelius Hoffmann-Kuhnt und Valerio Pizzorno den Bilderbogen mit experimentellen Klängen und noch mehr Rhythmen. Derweil spielen die Darsteller vorne die Entstehung der Erde und wabernde Ursuppe.

 

Irgendwelche Urgeister treiben mit ihren gespenstisch angeleuchteten Wabbelbäuchen ihr Unwesen. Die trauen sich was! Alfhild Karle berichtet von der Entstehung des »Lebens«, während ihre Kollegen als erste Kohlenstoffverbindungen in Form von Glühwürmchen durch den Raum schwirren und sich zu einem großen Zellhaufen formieren.

 

Davon spaltet sich so einiges an Zellmaterial ab und wird per Rollstuhl in die zukünftige Existenz geschleppt. Irgendwann kriecht und fleucht alles. Wie genau sich alles abgespielt hat, darüber lässt sich nur spekulieren, aber die Tonne-Baff-Theatergruppe liefert die psychedelischen Bilder dazu. Auch zur »Anatomie des menschlichen Körpers«. Franziska Schiller zählt diverse Bestandteile auf – »Galle mit und ohne Steine«, während sich Gabriele Wermeling als Anschauungsobjekt zur Verfügung stellt.

 

Und so werden mit weiteren Stellungsbildern, Tanzformationen und optischen Effekten das menschliche Zusammenleben, die Liebe (»soll nicht ausgehen«), die Kommunikation sowie »Kult, Glaube, Religion« thematisiert. Allen Bildern ist gemeinsam, dass die Menschheit sich vor allem durch eines auszeichnet: durch Vielsprachigkeit.

 

Das reinste Babel. Und auch unsere Behinderungen sind sehr vielseitig. Das Thema »Poltik und Wirtschaft« wird als ferngesteuertes Schachspiel durchgespielt, dabei präsentiert sich der Mensch als nicht gerade sympathisches Wesen, und auch in »Risiken und Nebenwirkungen« kommt’s zu Krieg und anderen Katastrophen. Aber vielleicht können ja die Außerirdischen helfen, unseren Wahnsinn zu heilen. Wegbeschreibung und Gebrauchsanweisung haben sie jetzt ja.

 

 

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